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das
nachzusehen.
Mahoneys text erschöpft sich
nicht darin, analytisch-beschreibend
zu sein. Er ist zugleich ein wissenschaftskritischer diskurs, der
seinen aufbau bestimmt, der bisweilen sprunghaft, dissoziativ wie
eine collage-montage strukturiert ist. Viele hier ausgelassene verweise
hätten einerseits relativ weit weg vom thema NUMMER 6 geführt
und andererseits zwecks besserem verständnis einen unverhältnismäßig
großen anmerkungsapparat nötig gemacht. Das original
besteht aus sechs teilen plus bibliografie, zitate sind in eigenen
anmerkungen belegt. Diese übersetzung nimmt sich die freiheit,
großzügiger mit den quellangaben umzugehen.
Als methode benutzt Mahoney die form eines zwiegesprächs, das
durch die kürzung etwas gelitten hat. Dessen gesprächspartner
sind, ganz passend, eine interrogative "Nummer 2" sowie
eine "Nummer 9190771", wobei man in letzterer auch das
alter ego des autors erkennen kann, aber nicht muss. Das wiederrum
ist gegenstand seiner erörterung: Im optimalen fall sähe
der "autor" sich, wie Foucault, eher als derjenige, der
sich gern "verstohlen
in den diskurs eingeschlichen"
und den text letztlich nur zu papier gebracht hätte (mehr...).

NUMMER
6 wurde 1967/68 von ITV gesendet. Produziert wurde die serie
von Everyman Films, die firma von David Tomblin und dem star, Patrick
McGoohan. Lord Grades unternehmen ITC finanzierte die produktion.
McGoohan hatte ursprünglich nur sieben episoden im sinn, aber
Grade überredete ihn zu mehr, um ein besseres produkt für
die US-networks zur verfügung zu haben. Ein jahr nach produktionsbeginn
waren erst 13 episoden fertig (während im gleichen zeitraum
von der serie DER MANN MIT DEM KOFFER 30 folgen hergestellt worden
waren; mehr...).
Außerdem "begannen gerüchte über McGoohans
unberechenbarkeit zu kursieren." (1) In einem verzweifelten
versuch, die serie besser verkaufen zu können, wurden vier
weitere episoden hergestellt. Dieser rettungsversuch ging schief.
NUMMER
6 bleibt ein bitterer kommerzieller fehlschlag..., worunter McGoohans
karriere ganz sicher gelitten hat, und seine firma Everyman Films
wurde 1974 mit über 63.000 Pfund schulden abgewickelt (2).
Dennoch, trotz dieser wirtschaftlichen pleite ist NUMMER 6 nicht
von der bildfläche verschwunden. Da gibt es etwa seit über
20 jahren einen fanclub SIX OF ONE (anm.: mit zwischen 1.500
und zeitweilig 3.000 mitgliedern). ... Fast 30 jahre nach der
erstsendung hat die serie nach wie vor genügend ausstrahlung,
um trägermedium für hochkarätige werbung zu sein
(anm.: in den späten 90er jahren ein werbespot für
Renault).
Den fans ihrerseits scheint das lob nicht auszugehen, mit dem sie
das programm anpreisen: "der größte science-fiction-film
aller zeiten" oder "Für mich war - und ist - es die
beste fernsehserie, die ich je gesehen habe." Für sie
ist NUMMER 6 nichts weniger als ein kunstwerk: "Die liste
der anspielungen scheint unendlich: Kafka, Orwell, Lewis Carroll,
Chesterton werden am meisten zitiert. Wegen der traumähnlichen
schönheit der bilder aber auch surrealistische maler wie Magritte."
(8) ...
Nummer
9190771:
Ich beabsichtige eine postmodernistische lesart von NUMMER 6. Was
für ein besseres modell könnte man haben als eine fiktion
nur über die natur der subjektivität and die freiheit
des individuums! Wenn es in NUMMER 6 darum geht herauszufinden,
"Wer ist Nummer Eins?", dann kann die antwort nur sehr
weitreichend sein. In der psychoanalyse von Lacan
gibt
es so etwas wie ein kohärentes ego nicht. ... Tatsächlich
könnte man Lacans version der ödipalen krise in der episode
"Demaskierung" dramatisiert sehen: "Dem verlangen
nach integraler ganzheit stehen erkenntnisse der linguistik, der
psychoanalyse und des poststrukturalismus über die zusammensetzung
des subjekts entgegen - nämlich, dass wir in vielfachem sinne
immer neben uns stehen." (26) ...
Nummer
9190771:
NUMMER 6 enthält viele einflüsse des gothischen (anm.:
horrors, schauers): "Der gothische horrorroman ist am
stärksten gekennzeichnet von mittelalterlichen gebäuden
mit geheimen gängen und unterirdischen labyrinthischen passagen."
(30) Zum beispiel, als der kleinwüchsige Butler in "Demaskierung"
Nummer Sechs zu Nummer Eins führt, durch ein tunnellabyrinth
unter dem Ort. Er benutzt einen großen schlüssel,
um eine holztür zu öffnen (die sich aber als metallene
erweist und sich automatisch öffnet!). Das gothische wurde
also übernommen und in ungewöhnlicher weise, defamiliarisiert
(wie die russischen formalisten sagen) verwendet. Ich weiß,
dass eine szene zwischen der holz- und der metalltür geschnitten
wurde. Aber man muss den filmschnitt selbst als kreativen prozess
betrachten.
Schon ganz früh in "Die Ankunft" gibt es das erste
beispiel. Nummer Sechs sieht ein zimmermädchen auf einem turm.
Seine erste reaktion ist aber nicht, sie zu retten, sondern sie
zu fragen, was sie da in seinem "heim, das sie daheim willkommen
heißt" tut. Verfolgt man dies weiter, kommt man auf das
Freudsche unheimliche (anm.: im original wortlaut), wenn
man bedenkt, dass ja Nummer Sechs im Ort in einem simulakrum
seiner eigener wohnung aufwacht: "heimelig vertraut, freundlich
und angenehm... Dessen gegenteil beschwört das unbekannte,
unangenehme, seltsame und fremde herauf." (31) Man kann
durchaus sagen, NUMMER 6 startet mit den normen des gothischen (horror-)
genres ... und kurz darauf begegnet er der waffe, mit der die verantwortlichen
herrscher des Ortes die bewohner unterdrücken, Rover
heißt er, ein großer weißer ballon.
Nummer
2: Nicht sonderlich furcht einflößend.
Nummer 9190771: Benutzen sie ihre fantasie. Pop. ...
Ein
weiteres merkmal des gothischen ist die spaltung in das selbst
und das andere (37). ...
Jede
Nummer Zwei kontrolliert den Ort vom mittelpunkt des rmutterleibs
aus. Auf einem bildschirm sieht man sich bewegende flüssigkeitsblasen,
die den eindruck vermitteln, man wäre im innern einer gebärmutter.
...
Ein
anderes inventarstück des gothischen ist das okkulte, mit seinen
kristallkugeln und spirituellen sitzungen. Als der vormalige gefangene
in "Demaskierung" die höhle von Nummer Eins betritt,
geht er an einer reihe globen vorbei, jeder mit einer anderen darstellung
der Erde. Nummer Eins dreht sich herum, mit einer kristallkugel
in der hand, die Nummer Sechs enthüllt, dass er niemals frei
sein wird. Nummer Sechs zerstört die kugel und reißt
die maske herunter. Darunter zeigt sich der westliche eroberer,
der alle anderen beherrschen wollte, als der verrückte degenerierte.
Nummer Sechs sieht sich der schrecklichen wahrheit gegenüber,
dass er sich selbst kaum gegenübertreten konnte. Wie kann man
ein individuum sein, ohne andere zu unterwerfen?
Es
ist möglich, NUMMER 6 mit dem film THE WIZARD OF OZ (DAS WUNDERBARE
LAND) zusammenzubringen...
Nummer
2: Unsinn. Wie sollte THE WIZARD OF OZ irgendeine verbindung
zu NUMMER 6 haben?
Nummer
9190771: Hüftknochen, schienbeinknochen... Ezekiel
verbindet die knochen, die alten knochen! PRISONER-fans haben oft
in vergleichen die serie mit anderen texten zusammengeworfen, und
häufig willkürlich. Man versucht dann, den modelltext
dafür zu benutzen, die vielen ungereimtheiten der serie zu
erklären. ... THE WIZARD OF OZ und NUMMER 6 haben ganz ähnliche
anfänge. Dorothy und Nummer Sechs werden bewusstlos gemacht
und finden beim erwachen ihr zuhause in gewisser weise verändert
vor. Für sie ist das doch irritierend, auch wenn beide zuvor
dabei waren, sich von zuhause zu entfernen. Beide finden sich in
einem seltsamen, farbenfrohen ort wieder, bevölkert von seltsamen,
farbenfrohen bewohnern. Die architektur bei beiden ist bizzarr.
Und beide sehen sich mit merkwürdigen kugelförmigen objekten
konfrontiert, obwohl hier die gemeinsamkeiten aufhören. Dorothys
rosarote kugel ist bei weitem gutmütiger. Und wo sie im verwunschenen
wald von mechanischen vögeln mit leuchtenden augen beobachtet
wird, wird Nummer Sechs im wald von statuen mit blitzenden augen
überwacht.

VILLAGE-PANOPTISMUS
I
Nummer
2: Nummer 9190771, alles sehr interessant, aber kaum welterschütternd.
Nummer 9190771: Im gegenteil, das kann erklären helfen,
warum Nummer Sechs im gothischen genre die weibliche rolle übernimmt.
Karen Langley (anm.: ehefrau von Roger, SIX-OF-ONE-koordinator
und herausgeber des mitgliedermagazins "Free For All")
schreibt, in den großen fan-diskussionen zeige sich das tabuthema
sex - und wenn nur durch seine abwesenheit innerhalb der serie,
wie auch durch die tatsache, dass manche behaupteten, das identitätsproblem
der hauptfigur sei ein sexuelles (62). ... So ist das genre der
episode "Demaskierung" vielleicht das der kritischen utopie,
worin die eher kollektiven helden der sozialen veränderungen
als randständige charakterisiert werden, die nicht dominant
sind, weiß, heterosexuell oder chauvinistische männer,
sondern weiblich, schwul, nicht-weiße und solche, die im allgemeinen
kollektiv handeln (69). ...

Nummer
9190771: Jetzt zu meinem nächsten trick: Ich werde versuchen,
NUMMER 6 mit Michel Foucault zu lesen.
Nummer 2: (Applaudiert enthusiastisch.)
Nummer 9190771: Ich danke ihnen. Gelegentlich scheint NUMMER
6 innerhalb der zeit, in der es entstand, völlig unsichtbar
zu sein. Es gab schon viele fruchtbare analysen mit vergleichen
zu James Bond (mehr...).
Natürlich waren da auch andere einflüsse aus der kultur
des Kalten Krieges als nur der spionageroman. Eine möglichkeit,
den kulturellen kontext von NUMMER 6 zu untersuchen, ist Michel
Foucaults wissenschaftstheorie. Danach liegen die ähnlichkeiten
zwischen zwei künstlern einer zeit darin begründet, dass
ihre arbeiten "völlig von den wissenschaftstheoretischen
bedingungen (85a) abhängen. Im verhältnis zu einem
manipulativen netz der macht finden abweichende sich in einer randposition
wieder. Und gerade deshalb sind sie für die machterhaltung
absolut notwendig. Man könnte NUMMER 6 so lesen, als abweichler.
1975 erschien eins der berühmtesten werke Foucaults: "Überwachen
und Strafen", der untertitel: "Die geburt des gefängnisses".
Und man kann es als theoretische grundlage für das Village
(anm.: den Ort, an dem Nummer Sechs gefangengehalten wird) hernehmen.
L.S. Kauffman referiert eine grundlegende zusammenfassung seiner
theorie: "Foucault sagt, in der armee, der schule und dem
krankenhaus werden körper zu maschinen abgerichtet (72).
Mit Foucault gesprochen, bewirken all diese maßnahmen die
herstellung gelehriger körper.
Ein eher offenkundiges beispiel wäre etwa die vorgetäuschte
lobotomie an Nummer Sechs in "A Change Of Mind". Ebenso
deutlich ist die armee- und schuldisziplin in "Pas de deux",
wo Nummer Sechs jeweils in das stadium seiner sozialisation innerhalb
dieser institutionen zurückgeführt wird. Das dilemma für
Nummer Zwei besteht aber darin, dass er wie ein foltermeister "der
regel gehorchen musste, dass, wenn der beschuldigte durchhielt und
nicht gestand, er alle anklagen fallenzulassen hatte",
was ein sieg für das folteropfer war (73). Das geständnis
gehört zu Foucaults beliebtesten themen, ebenso ist es das
bei den verschiedenen Nummer Zweien. ...
Foucault
schreibt auch über die norm. Die norm entsteht durch eine unerbittliche
erforschung jedes einzelnen subjekts. Im modernen zeitalter liegt
die "schwelle der erfassung" (76) sehr tief. Wohingegen
früher nur die wenigen privilegierten näher beschrieben
wurden, geschieht das nunmehr mit jedem - jedem einzelnen. "Es
handelt sich um eine methode der kontrolle und herrschaft"
(77). Dabei werden so viele daten gesammelt, woraus schließlich
eine fiktive norm erstellt werden kann, aus der alle unterschiedlichen
individuellen schattierungen hervorgehen" (78). In der
episode "Die Ankunft" findet Nummer Sechs zu seinem erschrecken
heraus, dass es eine umfassende akte über ihn gibt. Ironischerweise
stellen gerade die informationen darin den prozess dar, durch den
er erst zu einem indiviuum wird. Also sind Nummer Sechs' versuche,
ein "freies" individuum zu sein, ein widerspruch in sich,
da es individuen, die noch nicht erfasst worden sind, nicht geben
kann. ...
Eins der ersten dinge, die Nummer Sechs in "Die Ankunft"
tut, ist, auf den kirchturm zu steigen. Als dann die glocke zur
stunde schlägt, wird er fast taub. Eine art und weise, gefangene
im zaum zu halten, ist, einen zeitplan aufzustellen, wie er in klösterlichen
gemeinschaften praktiziert wird, um so "einen rhythmus herzustellen
und für spezielle beschäftigungen zu sorgen, die eine
wiederholende regelmäßigkeit schaffen", schreibt
Foucault (83). ...

BENTHAMS
PANOPTICON
Überwachung
ist nötig, um die subjekte zu kontrollieren. Foucault widmet
einen großteil seiner schrift Benthams konzept des panoptikums.
Dies besteht aus einem hohen turm im zentrum des gefängnisses,
von dem aus jeder gefangene zu jeder zeit beobachtet werden kann.
Das panoptikum des Ortes befindet sich höchstwahrscheinlich
im haus von Nummer Zwei, dem grünen kuppelgebäude. Es
ist allerdings egal, wo das panoptikum tatsächlich steht, denn
jede ecke des Ortes wird mittels kameras und radar überwacht.
Der kontrollraum funktioniert perfekt: "Der insasse darf
nie wissen, ob er in diesem moment überwacht wird, aber er
muss sicher sein, dass es jederzeit der fall sein kann"
(80). ...
Die
episode "Demaskierung" unterscheidet sich deutlich von
den vorhergehenden. Als zuschauer hört man überrascht
die Beatles mit "All You Need Is Love" (mehr...)
anstelle der kinderreime, die zuvor im mittelpunkt standen. Dieser
eindruck wird von einem bericht Angela Carters unterstützt,
die 1968 von bands aus den ärmsten gegenden Großbritanniens,
wie etwa Liverpool, erzählte, wie erfolgreich diese die musik
der schwarzen aus dem süden der USA adaptierten. Deshalb kann
es kein zufall sein, dass Nummer 48 ein negro-spiritual, "Dry
Bones", singt. McGoohan würdigte die renaissance der britischen
popmusik auf spektakuläre weise. Angela Carter gibt auch einen
möglichen grund dafür an, warum die kulturelle elite hippies
nicht mochte. Sie beschreibt, wie sich eine ganze generation gegen
den amerikanischen imperialismus wandte, insbesondere gegen den
krieg in Vietnam.
Wie Kenneth Griffith, der Präsident (anm.: der versammlung
in "Demaskierung"), sagt, ist "dieses verhalten
gefährlich und trägt nichts zu unserer kultur bei, man
muss es auslöschen." Hippies mögen individualistisch
gesinnt sein, aber sie hatten kollektive überzeugungen. Vielleicht
ist es ein hinweis auf Vietnam in "Demaskierung": als
die rakete startet und Rover zerstört... Niemals ganz ohne
angstvolle gedanken an den nuklearen holocaust ist diese episode
mit dem (original-) titel "Fallout". Über
der gesamten handlung dräut die rakete in diesem besonderen
bunker. ...

Und
doch, wie hilfreich Foucaults theorien bei der analyse von NUMMER
6 auch sein mögen, man kommt um die schlussfolgerung nicht
herum, dass diese serie aus psychoanalytischer perspektive geschrieben
worden sein muss. Und zwar durch die tatsache, dass Nummer Sechs
in "Demaskierung" entdeckt, dass er von sich selbst gefangen
gehalten wurde. Die ganze serie muss wie ein psychodrama interpretiert
werden. ...
Patrick
McGoohan hatte den hang, sein eigenes leben in seine arbeit einfließen
zu lassen. So ist das geburtsdatum, das Nummer Sechs in "Die
Ankunft" gibt, dasselbe wie McGoohans. Max Hora schreibt, "die
epsiode "Pas de deux" lehnt sich dicht an McGoohans eigenes
leben an" (121). ... NUMMER 6 hatte das potenzial, später
erfolgreicher (als beim ende der erstausstrahlung; anm.)
zu sein. Der erfolg dieser vielfarbigen serie wurde auch dadurch
gehemmt, dass sie bei der erstsendung nur schwarzweiß war.
... Bis 1984 (passenderweise) musste NUMMER 6 warten, bis man sie
zur gänze würdigen konnte. ... Wenn jemand die autorenschaft
beim fernsehen beanspruchen kann, dann McGoohan. Bei drei episoden
hatte er einen nie zuvor gekannten einfluss, nicht nur als hauptakteur,
sondern auch als ausführender produzent, autor und regisseur.
... Nummer Zwei unternimmt im "embyoraum" einen psychoanalytischen
versuch, das leben von Nummer Sechs zu erforschen. ... Als lehrer
versucht er ein geständnis zu erlangen. ... Nummer Sechs erlebt
in form einer regression noch einmal einen zwischenfall an seiner
schule, er weigert sich sich jedoch zu verraten, wer im unterricht
geredet hatte.

VILLAGE-PANOPTISMUS
II
McGoohans
großer einfluss auf die produktion von NUMMER 6, besonders
seine regiearbeit, rechtfertigt wahrscheinlich, die autorentheorie
zu vertreten. Diese wurde ursprünglich in der französischen
zeitschrift Cahier du Cinéma entwickelt. Das konzept basiert
auf der "mise en scène": "all die verschiedenen
elemente, die für die etablierung einer filmischen einstellung
erforderlich waren" (136). Dazu wurden die arbeitsweisen
verschiedener regisseure untersucht und warum die einen besser waren
als andere. "Auteur" war der begriff, um einen
einzelnen urheber eines films zu identifizieren. McGoohan führte
jedoch bei nur vier der 17 episoden regie. Carraze und Oswald berichten,
McGoohan habe bei seinen episoden auch die hilfe anderer regisseure
erhalten: "Man kann sich nur schwer vorstellen, dass Don
Chaffey tatenlos zugesehen und seinem freund nicht geholfen hätte"
(137). "Demaskierung" z.b. wurde in einer solchen eile
produziert, dass Kenneth Griffith seinen part (als versammlungspräsident;
anm) selber schrieb. So unfertig war McGoohans drehbuch (138)
- und daran kaum etwas von einem autorengott. Es gibt eine weitere
dimension, denn "was filmkritiker oft sagen, ist der eindruck,
dass der star eines films im endeffekt womöglich in seiner
aussage liegt" (139). ... Und genau diese frage der autorenschaft
brachte die produktion von NUMMER 6 zum zerreißen. In einem
ITV-interview bestand George Markstein, der script editor, darauf,
er sei der autor (143). Er habe die vorlage für den Ort
geliefert. Als journalist hatte er einen ort in Schottland entdeckt,
Invelair Lodge, wo die britische regierung während des Zweiten
Weltkrieges personen mit sensiblem wissen festgesetzt hatte. Und
ironischerweise spielt Markstein auch eine rolle in der öffnungssequenz
jeder episode. Er ist der mann im unterirdischen büro, dem
der agent seine rücktrittspapiere übergibt. McGoohans
und Marksteins stürmische beziehung wurde demnach woche für
woche auf den bildschirmen dramatisiert! Und das sollte sich als
prophetisch erweisen, wenn auch die rollen umgekehrt waren, als
Markstein vier episoden vor schluss verärgert das handtuch
warf. Er schrieb: "Niemand will etwas über drehbuchautoren
wissen, darsteller verkaufen eine serie ans publikum! Einer der
gründe dafür, dass ich ging, war, dass er (McGoohan) die
alleinige urheberschaft für jegliche kreative idee oder ein
konzept von irgendjemand beanspruchte" (144).
Von NUMMER-6-fans wird McGoohans autorenrolle überaus betont.
In ihrem eifer, so viel wie möglich über die herstellung
der serie herauszufinden, übertreiben sie es jedoch. ... Ebenso
gut könnte Sir Clough Williams-Ellis, der architekt von Portmeirion,
Markstein die urheberschaft für den entwurf des Ortes
bestreiten. Das modell der zusammenarbeit bei fernsehproduktionen
ist also weit davon entfernt, perfekt zu sein. Eine lösung
wäre vielleicht, wenn man fernsehproduktionen als "polyphonisch"
(aus vielen stimmen bestehend) betrachten würde. Dies stammt
aus Michail Bachtins literarischen kritiken, "um sich gegen
mimetische und einstimmige vorstellungen eines textes"
zu wenden (146). ... So erhielten alle an der herstellung von NUMMER
6 beteiligten ihren credit. Zudem, fernsehproduktionen lassen gewöhnlich
keine individuellen stimmen von künstlern zu (vielleicht deshalb,
dass sie so rar sind): "Man musste zugestehen..., dass genau
diese einstellung, kommerzieller selbstmord, NUMMER 6 zu einem künstlerischen
meisterstück werden ließ" (148).

VILLAGE-PANOPTISMUS
III
Nummer
9190771: Bei der recherche über NUMMER 6 habe ich mir die
episoden mehrmals angesehen. Und jedes mal ergab sich eine neue
bedeutung. Die episoden blieben dieselben, aber ich hatte mich verändert.
Als ich zum beispiel 1984, im alter von 12 jahren, das erste mal
"Demaskierung" sah, hat mich das schockiert und abgestoßen.
Ich war nicht fähig, mich damit zu beschäftigen, um die
episode zu verstehen. So etwas hatte ich im fernsehen noch nicht
gesehen. 12 jahre später und nach einem halben jahrzehnt universitätsausbildung
sieht es so aus, alb ob es viel mehr sinn ergibt. Genauso ist meine
wertschätzung für die folge gewachsen. ...

Man
mag nun argumentieren, dass diese lesart zu sehr auf der französischen
theorie aufbaut. Es gibt jedoch innerhalb von SIX OF ONE, dem fanclub,
"die französische abteilung, die drittgrößte
nach Großbritannien und Nordamerika" (155). Patrick
McGoohan schrieb "Demaskierung" im gedanken an Samuel
Beckett, der auch eine große gefolgschaft in Frankreich hatte.
Wenn "der text ein geflecht von zitaten ist, die unzähligen
kulturellen zentren entstammen" (156), dann sind allerhand
subversive lesarten erlaubt. "Der Tod des Autors" von
Roland Barthes wurde 1968 veröffentlicht. In Frankreich
wurde NUMMER 6 (anm.: LE PRISONNIER) 1968 gesendet (157).
NUMMER 6 vermied einen schlüssiges ende - die erste einstellung
ist genau dieselbe wie die letzte, Nummer Sechs in seinem sportwagen
auf einem leeren highway. McGoohan selbst drückte es so aus:
"Erklärungen verringeren das, worum es bei der sache
ging: ein allegorisches rätsel, das die leute selbst deuten
müssen" (158). Barthes schrieb, wahrhaftig revolutionär
sei es, sich gegen festgelegte bedeutungen zu wenden (159). Wenn
es also so einfach ist, die theorie von Foucault auf NUMMER 6 anzuwenden,
könnte es dann sein, dass die serie die theorie beeinflusst
hat? ...
Sean Burke allerdings macht den spielverderber bei der Barthes-theorie:
"Der Tod des Autors" wurde 1967 geschrieben - und nicht,
wie oft angenommen, im geiste der studentenbewegung - und zuerst
1968 in Frankreich veröffentlicht" (160). Tatsächlich
jedoch, und ganz im sinne von Foucaults wissenschaftstheorie, konkretisieren
sich solche ideen auch. Und sie erscheinen durchaus gleichzeitig
auf der bildfläche.
Nummer
2: Und wie begründen sie ihre behauptung?
Nummer 9190771: Kam mir so, als ich mitten beim schreiben
dieser dissertation war. In der Sunday Times erschien ein artikel
von Bryan Appleyard, der einen bezug herstellte von NUMMER 6 zu
DER SINGENDE DETEKTIV und den AKTE X (161).
NUMMER 2: Und wo ist dann ihr abschnitt über AKTE X?
Nummer
9190771: Wurde zu einer ex-akte.
Wenn
es zeitweilig danach aussieht, dass schreiben über NUMMER 6
und kulturelle studien das gleiche sein könnte, dann vielleicht
deshalb, weil sie ein gemeinsames thema haben: "'The Village'
(anm.: der Ort) in NUMMER 6 könnte die welt als mikrokosmos
sein. Und die gesamte serie ... wurde von Patrick McGoohan als 'sozialer
kommentar' über gesellschaft allgemein bezeichnet" (162).
Darum öffnet sich die tür zu Nummer Sechs' Londoner wohnung
mit demselben automatischen summen wie die im Ort - in jeder
gesellschaft wäre er ein gefangener. ...

VILLAGE-PANOPTISMUS
IV
Lesen
durchdringt jede menschliche tätigkeit. Wir lesen nicht nur
bücher oder filme - wir lesen auch menschen. ... Die art und
weise, wie wir bücher lesen, ist ähnlich der, wie wir
menschen lesen - und alles andere auch. Wie sonst könnten wir
glauben, wie Nummer Zwei in "Hammer oder Amboss", dass
in der kuckucksuhr eine bombe wäre? Wir nehmen die körpersprache
von Nummer Sechs als bedrohlich wahr. Wenn Lacans theorie davon
spricht, dass wir alle uns innerhalb von sprache befinden, dann
meint er nicht etwa die geschriebene oder gesprochene, französisch
oder deutsch. Unsere wahrnehmung versteht viele sprachen.
Patrick McGoohan sagte über das publikum von "Demaskierung":
"Die mehrheit erwartete eine art von James-Bond-oberschurken.
Als sie dann das alter ego von Nummer Sechs bekamen, waren sie gar
nicht glücklich. Sie... fühlten sich betrogen." (167)
Lesen ist nichts passives, autoren von detektivthrillern wissen
das. Niemand verschluckt einfach die worte auf einer seite: Man
rennt ihnen nach, versucht, sein eigenes ende zu konstruieren. ...
Für Jean-Paul Sartre muss das kunstwerk sich darauf verlassen,
dass der leser es erkennt: "Der schriftsteller appelliert
an die freiheit des lesers, mit ihm an seinem werk zu arbeiten...
Man hat die absolute freiheit, das buch liegenzulassen. Aber wenn
man es öffnet, übernimmt man eine verantwortung. ... Das
kunstwerk ist ein wert, weil es ein appell ist" (169).
Man mag dieses existenzialistische konzept als unwissenschaftlich
abtun, aber diese lesart von NUMMER 6 wollte sich an Barthes orientieren.
Um wahrhaftig "revolutionär" zu sein, muss man, wie
Nummer Sechs, "vernunft, wissenschaft, gesetz" zurückweisen.
In dieser auseinandersetzung wurde versucht, so revolutionär
wie jener text zu sein. Jetzt muss man nur noch ein schlüssiges
ende vermeiden -
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