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Die
frage aller fragen: Wer ist Nummer Eins?
Sie
erhält durchaus eine antwort in NUMMER 6, oder eher
mehrere antworten, die das puzzle freilich nicht leichter durchschaubar
machen. Mit einigem recht verdient George Markstein, neben
McGoohan der inspirator der serie, dieses attribut. Er ist der kahlkopf
hinter dem schreibtisch, im vorspann nur ganz kurz zu sehen, dem
Nummer Sechs eine standpauke hält und mit vehemenz seine kündigungspapiere
präsentiert. Dabei war es in der realität eher umgekehrt.

Die
informationslage über George Markstein ist nicht gut.
Einerseits heißt es, er wurde 1929 in Berlin geboren und kam
nach Großbritannien, als in Deutschland die Nazis an die macht
kamen. Nach anderen quellen war er US-Amerikaner. Er starb bereits
1987.
Er hatte eine journalistische ausbildung, war während des Kalten
Krieges in den 50er jahren korrespondent bei den US-streitkräften
und schrieb politromane, arbeitete für das fernsehen und verfasste
filmdrehbücher. Unter anderem bearbeitete er den roman DIE
AKTE ODESSA für den film auf, bei dem Ronald Neame regie führte.
Aus
seiner zeit beim militär noch im Zweiten Weltkrieg kannte er
bestimmte maßnahmen, die ergriffen wurden, um menschen mit
sensiblen kenntnissen zu ihrem eigenen schutz "in urlaub"
zu schicken, damit niemand an diese kenntnisse heran kommen konnte.
Weit abseits in Schottland gelegen, war Inverlair
Lodge einer dieser geheimen "ferienorte" für
hohe regierungsangestellte. Diesen faden spann Markstein weiter.
Allerdings ließ er die spätere figur Nummer Sechs wie
auch das publikum im unklaren darüber, welche seite denn überhaupt
für die entführung und internierung verantwortlich war.
In seinen romanen führte er dieses thema fort. Folgerichtig
schrieb er sich die erfindung NUMMER 6 auf die fahne.
Im
englischen Wikipedia-eintrag wird berichtet, Markstein habe das
ende der serie schon entwickelt gehabt, doch wegen seiner auseinandersetzung
mit McGoohan verließ er die produktion und die idee wurde
verworfen.
Demnach hatte Nummer Sechs noch als junger agent einen plan ausgearbeitet,
wie man mit agenten im "ruhestand", die ein potenzielles
sicherheitsrisiko darstellten, verfahren sollte. Diese leute sollten
an einem sicheren ort - unauffällig, aber gut abgeschirmt -
ihren lebensabend verbringen. Jahre danach entdeckt Nummer Sechs,
dass man seinen plan in die tat umgesetzt, jedoch zugleich pervertiert
hat. Aus einem wohlgemeinten rückzugsraum für nicht mehr
benötigte agenten war ein vernehmungs- und gefangenenlager
geworden. Nummer Sechs inszenierte seinen rücktritt vom dienst
in dem bewusstsein, dass man ihn zu diesem ort bringen würde.
Seine absicht war, das funktionsprinzip zu verstehen und einen weg
zu finden, ihn von innen her zu zerstören. Doch dann kamen
ihm zweifel, aufgrund der großen zahl von agenten verschiedenster
nationalitäten war er sich nicht mehr sicher, welche seite
denn nun betreiber dieses orts war.
Schlussendlich
war für Markstein die ganze welt so ein potentieller "ferienort",
hätte er den Prisoner in die welt nach draußen gebracht,
jedoch wäre dieser immer ein gefangener seiner umstände
geblieben.

McGoohan
und er hatten schon beim NUMMER 6-vorläufer GEHEIMAUFTRAG
FÜR JOHN DRAKE zusammengearbeitet. Für NUMMER 6 bereitete
Markstein als storyeditor vor allem die pilotepisode "Die Ankunft"
vor und legte damit den grundstein für die gesamte serie. Für
ihn war klar, dass Nummer Sechs John Drake war. McGoohan und er,
gegensätzlich pole, sie verkörpern die grundlegenden stömungen,
die NUMMER 6 durchziehen und im endeffekt teilen: symbolisch-allegorisch,
existentialistisch die eine; straight forward ausgerichtetes
spionage- und agentengenre, politisch-praktisch, sozusagen, die
andere. Markstein verließ die produktion, noch bevor die ersten
13 episoden fertig gestellt waren. Er und McGoohan hatten sich nichts
mehr zu sagen.
In
interviews ließ Markstein keinen zweifel daran, was
er vom fortgang der serie hielt, "rubbish" war sein ausdruck
dafür. McGoohan war in seinen augen ein egomane, der
alles an sich zog und bestimmte und der schließlich völlig
ins abwegige glitt. NUMMER 6 sah er mithin auch als leistung eines
teams von leuten wie David Tomblin, Jack Shampan, verschiedener
beteiligter regisseure und vor allem der autoren, nicht nur als
McGoohans opus. Zum ende seiner mitarbeit sagte er: "Ich
ging. Deshalb wurde es albern. Sehen sie, eine gewisse ordnende
hand wäre nötig gewesen."
CHRIS RODLEY ÜBER SIX INTO ONE: THE PRISONER FILE
DAVE BARRIE: THE MARKSTEIN-McGOOHAN DEBATE (E)
Wer
von beiden wie viel prozent anteil an NUMMER 6 hat, bleibt letztendlich
ungewiss. Fest steht, dass McGoohan sehr wohl eigene, deutliche
vorstellungen von der serie und ihrem aussehen hatte. Die struktur
des Ortes, seine funktionsweise, etwa die telekommunikation
und bestimmte ausstattungsdetails hatte er als konzept entworfen.
Und während McGoohan jede stellungnahme zur serie, vor allem
zum finale, ablehnte oder sich allenfalls kryptisch dazu äußerte,
war Markstein ein gegner von überinterpretation. Und eine fernsehserie
wie NUMMER 6, "no more, no less", als gegenstand der betrachtung
in universitätsseminaren (wie in Kanada geschehen) zu erleben,
war ihm eine absurde vorstellung.
Markstein in seinen eigenen worten in einem gespräch von 1984,
das für die Channel-4-produktion "Six Into One: The PRISONER
File" stattfand, kann man nachlesen auf der PRISONER-website von Larry
Hall (http://www.the-prisoner-6.freeserve.co.uk/markstein.htm;
auf englisch).

GEORGE
MARKSTEIN IM INTERVIEW FÜR SIX INTO ONE: THE PRISONER
FILE (1984)
McGoohan
war als Nummer Sechs, so Markstein, und als fernsehstar ein gefangener
seiner rolle, seines gesichts, seines erfolges. Eingedenk seines
eigenen beitrags kokettierte er mit gehörigem selbstbewusstsein
denn auch als Nummer Eins.
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