Hausnummern in der Katharinengasse 1906 – 1959/60
Destilliert aus den Adressbüchern 1906, 1917, 1920, 1921, 1922, 1925, 1927, 1931, 1937, 1939, 1941, 1949, 1951, 1954, 1957 und 1959/60, dem Kriegsschadensplan der Stadt Gießen vom Mai 1947 sowie einer Skizze des Pla-nungsamts von 1948.
Von Gunter Klug
Die Hausnummern 1, 2 und 16 waren im Betrachtungszeitraum nie belegt, davon Nr. 2 (zusammen mit 4 und 6) auf der Planskizze 1948 als unbebaute Fläche hinter der Kaplansgasse 23 zu erkennen. Die Hausnummern 3 und 5, offensichtlich mit Gewerbeimmobilien – Lager, Schuppen – bebaut, erhielten nur zeitweilig Adressbucheinträge. Nachkriegsbilder der zerstörten Kaplansgasse legen nahe, dass auch die Katharinengasse etwas abbekommen hatte. Ein 50er-Jahre-Foto der letzten verbliebenen Häuser auf der linken Seite der mittleren Katharinengasse, über bereits bewachsene Trümmergrundstücke hinweg aufgenommen, scheint das ebenfalls zu bestätigen. Auch zwischen Teufelslustgärtchen und Katharinengasse könnte es Schäden gegeben haben. Leider scheint der Kriegsschadensplan stellenweise unzuverlässig zu sein, denn hier sind die Nummern 3, 5, 8, 12 und 15 als Totalverlust registriert. Auch die Fläche, auf der eine Nr. 16 hätte stehen können, ist weiß, was gemäß der Legende einen Zerstörungsgrad von 100% bedeuten würde – allein, es gibt ein Foto aus den 1960ern (anhand des abgebildeten PKW-Modells gesichert), auf dem an dieser Stelle unübersehbar ein altes Haus steht.
Hausnummer 3 War laut Adressbuch 1931 eine "Scheune und Stallung" im Besitz des Metzgermeisters Karl Sack. 1937 war daraus ein "Вauplatz" im Besitz des Metzgermeisters Gustav Sack geworden. Seit 1939 kein weiterer Eintrag mehr. In der Planskizze 1948 jedoch mit Bebauung eingezeichnet.
Hausnummer 4 Dieses Haus tauchte nur im Adressbuch 1906 auf, als Besitzer waren "Schwalb Erben" aufgeführt. Im Haus wohnte jedoch lediglich eine Mieterin namens Charlotte Schäfer, deren Beruf mit Näherin angegeben war. Sie war die Witwe von Friedrich Schäfer.
Hausnummer 5 1931 verzeichnete das Adressbuch unter dieser Nummer eine Scheune im Besitz der Stadt Gießen. Dies blieb der einzige Eintrag zu Katharinengasse 5. Im Gießener Anzeiger vom 8.8.1932 wurde über eine Straßensperrung wegen Abbrucharbeiten zwischen der Einmündung Kaplansgasse und der Katharinengasse 7 informiert. Einer zweiten Ankündigung in derselben Ausgabe war zu entnehmen, dass es um den Abbruch der "Scheune und Stallung" Katharinengasse Nr. 5 in städtischem Besitz ging.
Hausnummer 6 Eigentümer der Nr. 6 war 1906 der Wirt Wilhelm Nagel, das Gebäude war aber nicht bewohnt oder bewohnbar. In den nachfolgenden zur Verfügung stehenden Adressbüchern wurde das Haus nicht mehr aufgeführt.
Hausnummer 7 Das Haus, im Grundbuch als 84 qm große Hofreite vermerkt (Schätzwert 1936 6500 RM), hatte allein von 1906 bis 1925 drei verschiedene Besitzer. Zunächst eine Marie oder Maria Kümmel, Witwe des Schreinermeisters Heinrich Kümmel, die 1920 selbst nicht mehr dort wohnte. 1921 gehörte das Haus Johann Lapp und 1922 seiner Witwe. In den nächsten drei vorliegenden Adressbüchern hieß der Eigentümer Wilhelm Rinn, städtischer Arbeiter (1931 Rentner). 1936 geriet das Haus in die Zwangsversteigerung und ging dann an den Gastwirt Fritz Burk über, der dort laut Adressbuch 1937 aber weder ein Gewerbe betrieb noch im Haus wohnte. Der Kriegsschadensplan attestiert dem Haus einen Zerstörungsgrad von 36 bis 50%, es wurde aber offenbar wieder hergerichtet. In den Nachkriegsadressbüchern seit 1951 war als Besitzerin Lina Burk, Wwe. eingetragen. Die Mieterschaft blieb vor 1939 relativ stabil, eine Mieterin z.B. wohnte über den gesamten betrachteten Zeitraum im Haus. Anfang der 1950er kam dann Unruhe in die Zusammensetzung der Mieterschaft und die Zahl der Mietparteien stieg um ca. 50%. Zusammen mit den Nummern 9 und 11 ist das Haus von vorne auf einem Nachkriegsfoto zu sehen.
Hausnummer 8 Das erste bewohnte Haus auf der rechten Seite der alten Katharinengasse; Besitzer 1906, 1917 und 1920 war der nicht im Haus wohnende Georg Kinkel, ab 1921 dann der Händler Peter (Jakob) Ries. 1931 war auch noch ein "Ries, Peter, Händler" als Mieter im 2. Stock geführt, vermutlich ein Verwandter von Jakob. Dieser Mietereintrag existierte auch noch 1937 und 1939, während in diesen Adressbüchern als Besitzerin Christine Ries, Wwe. als Eigentümerin (1939 ohne Zusatz Wwe.) und Bewohnerin geführt wurde. Nachdem 1939 und 1941 nur noch drei bzw. vier Mieter eingetragen waren, taucht die Hausnummer in den Nachkriegsadressbüchern nicht mehr auf, da das Haus im Krieg völlig zerstört wurde. Auf Fotos nur in der Entfernung als ausgebrannte Ruine oder aus spitzem Winkel auf der Straßenseite zu sehen. – WEITER IM TEXT  |
Hausnummer 9 Laut den Adressbüchern 1906, 1917 und 1920 gehörte das Haus Marie bzw. Maria Kümmel, zugleich auch Besitzerin von Nr. 7. Auch in Nr. 9 hat sie nicht gewohnt. Seit 1921 war das Haus durchgehend im Besitz des Fuhrmanns Georg Groß. Offenbar war Nr. 9 ein kleines Haus mit maximal zwei zusätzlichen Vermietungen. Nicht einmal Ausgebombte oder Flüchtlinge wurden in den 50er Jahren hier einquartiert. Das Adressbuch 1959/60 verzeichnet als Eigentümer "Goß, Gg., u. Miteigentümer", nicht im Haus lebend, während Georg Goß nun als Mieter eingetragen war, im Haus, welches nicht mehr ihm alleine gehörte. Zusammen mit den Nummern 7 und 11 frontal auf einem Nachkriegsfoto zu sehen.
Hausnummer 10 Ein offenbar ebenfalls kleines Haus, im Adressbuch 1906 als Eigentum des Küfermeisters Karl Herbert registriert. Ab Adressbuch 1917 war es dann Eigentum der Hebamme Lina Herbert, und ging zwischen 1931 und 1937 an den Werkmeister Heinrich Geißler über. Die ganze Zeit gab es nur einen einzigen immer gleichbleibenden Mieter. Irgendwann vor 1941 war Immer-noch-Besitzer Geißler nach Lollar verzogen, und es lebten zwei neue Mieter im Haus. Laut Kriegsschadensplan war das Haus 1947 intakt, in der Planskizze von 1948 eingetragen, aber 1949 waren beide Mieter von 1941 umgezogen und 1951 die Adresse nicht mehr verzeichnet. Das Schicksal von Katharinengasse 10 bleibt also vorerst rätselhaft. Kein Foto bekannt.
Hausnummer 11 1906 hieß der Eigentümer dieses Hauses "Allgemeiner Verein für Armen- und Krankenpflege". Anscheinend war aber keine Einrichtung des Vereins im Haus untergebracht, es gab stattdessen fünf Mietparteien. 1917 und 1920 war es im Besitz des nicht im Haus lebenden Georg Kinkel. 1921 und 1922 war dann der Tagelöhner (!) Wilhelm Schnabel neuer Hausbesitzer; 1925, 1927 und 1931 hieß der Besitzer Mich. Heiner, Niederasphe. Als neuer Eigentümer war 1937 dann Gabriel Montaigne vermerkt, in den beiden Adressbüchern zuvor als Mieter eingetragen (Beruf 1927 Mechaniker, 1931 "Мilchhändler" und dann bis zuletzt wieder Mechaniker). Ein kleines Haus, in den Jahren nach 1906 waren meist drei, einmal auch vier Mieter gelistet, 1957 dann sechs und 1959/60 stolze zwölf. Das dürfte kaum ohne Aus- und Umbauten möglich gewesen sein. Zusammen mit den Nummern 7 und 9 auf einem Nachkriegsfoto zu sehen.
Hausnummer 12 und 12 H Besitzer Georg Reh, 1906 bis 1921 Lackierer, 1927 Fabrikarbeiter, 1931 bis 1941 "Invalide". Es gab über die Jahre jeweils vier oder fünf Mietparteien im (Vorder-) Haus (außer 1941, da waren es nur noch drei), dazu meist drei im als "H" gekennzeichneten Hinterhaus. 1917 bis 1922 übte der Schneider Clemens Narz im Parterre des Hinterhauses sein Gewerbe aus. Nach seinem Tod übernahm seine Frau Christine Narz bis 1931.1937 und 1939 war sie nicht mehr im Parterre, sondern im ersten Stock aufgelistet und 1941 im ersten Stock des Hinterhauses. Gleichzeitig waren zwei der drei Mietparteien ebenso wie der Besitzer als "Invaliden" gelistet. 1949 ist keine der 1941 gelisteten Personen mehr unter dieser Adresse zu finden, entweder haben sie neue Adressen oder sind nicht mehr in Gießen gemeldet. 1951 war Nr. 12 nicht nehr eingetragen, stattdessen tauchte 12 H solo im Adressbuch auf, nunmehr im Besitz der Stadt Gießen. 1954 hieß es dann wieder "12". Im Kriegsschadensplan 1947 war das Vorderhaus als Totalschaden ausgewiesen. Anscheinend hatte aber das Hinterhaus überlebt, im Plan ist eine nicht nummerierte, unbeschädigte Struktur hinter Nr. 12 eingezeichnet. Da Nr. 12 nicht wiederaufgebaut wurde, mutierte Nr. 12 H in den Adressbüchern 1954 bis 1959/60 wohl zu Nr. 12. Mitte der 1950er war das Haus bis in die hinterste Ecke mit Mietern belegt, allerdings blieben die Mieter der 1930er und 1940er verschwunden. Auch auf der 1948er Planskizze ist das Hinterhaus gut auszumachen. Es grenzte mit der Rückseite an das weit abseits der Straße gelegene Haus Kaplansgasse 27. Kein Foto bekannt.
Hausummer 13 1906 war dieses Haus auf den Knecht Anton Krick eingetragen, der es dann irgendwann verkauft hat. Von 1917 bis 1927 hieß der nicht im Haus wohnende Besitzer Georg Kinkel, dazu gab es vier Mietparteien mit relativ kleiner Fluktuation. Danach in keinem Adressbuch mehr aufgeführt, das heißt, das Haus stand schon nicht mehr, als die Bomben fielen. Entsprechend fehlt es auch in den Plänen. Auf dem Nachkriegsfoto der Nummern 7, 9 und 11 ist dort außer einer Brachfläche nichts mehr zu sehen.
Hausummer 14 Letztes im hier behandelten Zeitraum eingetragenes Haus auf der rechten Seite. Im Adressbuch von 1906 gab es keine Nr. 14, möglicherweise wurde das Haus also erst zwischen 1906 und 1916 gebaut. Besitzer war 1917 und 1920 Heinrich Becker (nicht im Haus wohnend), 1921 gefolgt vom ebenfalls zunächst nicht im Haus wohnenden Adolf Best, der erst zwischen 1922 und 1925 dort auch Quartier nahm (und vorher in der Kaplansgasse 29 wohnte). 1927 und 1931 war Best als Dienstmann und Fuhrunternehmer bezeichnet, 1931 dann als "Spediteur, Spedition u. Möbeltransport". Katharinengasse 14 wurde also zwischen 1927 und 1931 auch die Best’sche Firmenadresse. Im März 1933 wurde im Gießener Anzeiger verkündet, dass am 30.06.1933 Grundstück und Haus zwangsversteigert werden sollten. Offenbar konnte die Zwangsversteigerung abgewendet werden, die Hintergründe sind aber unklar. Zu den Mietern zählten seit 1931 unter anderem die Herren Heinrich Repp sen. und jun., wobei der Junior 1937 als "Hefevertreter" firmierte und mit Karl Repp ein drittes Familienmitglied als "Vertreter" zur Seite hatte. 1939 war aus diesem Samenkorn ein weiteres Gewerbe im Haus gewachsen, nämlich die "Nord-West-Deutsche Hefe- und Sprit-Werke AG", im Parterre der 14 residierend. 1941 und 1949 wohnten gleich drei Repps im Haus, allerdings war Heinrich Repp, Hefegroßhändler, vor 1949 in die Frankfurter Straße 13 verzogen. Die Firma von Karl Repp hieß nunmehr "Bäckerei- u. Kond.-Bedarf, Masch., Geräte, Einrichtgn., Backhilfsmittel". Ein Ruheständler Heinrich Repp, vermutlich der Firmensenior, fungierte als Hofarbeiter, und ein zweiter Karl Repp war als Vertreter eingetragen. Im Adressbuch 1951 war nur noch K(arl). Repp im Haus gemeldet, und aus der "AG" war die "Repp u. Sallwey Hefegroßhandlung" geworden. Dem 1951er Adressbuch war auch zu entnehmen, dass Besitzer Adolf Best mittlerweile im Ruhestand lebte und die Spedition aufgegeben hatte. 1954 waren zuletzt als Besitzer "Adolf Best u. Söhne" eingetragen, und als Überrest aus der Blütezeit des Hefehandels verblieb der kaufmännische Angestellte Erwin Sallwey als Mieter im II. Stock. Vor 1957 war Adolf Best verstorben, das Haus gehörte danach "Best, Erben" (Eintrag 1957). Diese hießen offenbar Adolf und Alfred mit Vornamen, so waren die neuen Eigentümer im Adressbuch 1959/60 schließlich als "Best, Adolf u. Alfred" aufgeführt. Adolf war Kraftfahrer, Alfreds Beruf war mit Arbeiter angegeben. Zeitpunkt des Abbruchs unbekannt, evtl. späte 1960er. Außer auf einer Luftaufnahme und seine nackte Außenwand in einem Amateurfilm kein Foto des Hauses bekannt oder im Bestand.
Hausnummer 15 Das vorletzte Haus auf der linken Seite der Katharinengasse. 1906 bis 1939 durchgehend im Besitz von Wilhelm Schumann, einem Bahnschlosser, ab 1927 im Ruhestand. Im gleichen Zeitraum hatte er ein und denselben Mieter, nämlich den Dachdecker (anfangs Geselle) Theodor Rohrbach, wobei 1931 einmalig drei weitere Mitglieder der Familie Rohrbach im Haus gemeldet waren – schlechte Zeiten vermutlich. 1951 war Nr. 15 dann aus dem Adressbuch verschwunden, allerdings nur, um ab 1954 noch einmal völlig verändert wiederzukehren – sie war zum Lager des Dachdeckergeschäfts Pfeiffer & Müller geworden. Anscheinend lediglich eine Flächennutzung, denn im Kriegsschadensplan 1947 ist Nummer 15 als Totalschaden eingezeichnet.
Hausnummer 17 Das Haus der vielen Besitzer und wenigen Mieter lässt so einige Fragen offen. 1906 hieß der nicht im Haus wohnende Besitzer von Nr. 17 Christian Haubach, seines Zeichens Maurermeister. 1917 und 1920 dann auf Louis Becker (ebenfalls nicht im Haus gemeldet) eingetragen, und ab 1921 war das Haus bis 1925 von einem Dr. Fischer aus Gotha übernommen worden. 1927 hieß der neue Besitzer Leopold Stern. Als einziger Bewohner war in all den Jahren Christian Vaubel gemeldet (außer 1906 einem "Laufmädchen"), 1917 und 1920 als Schneider ausgewiesen, 1921 bis 1927 als Feuerwehrmann. Ab 1931 gab es unter der Adresse gleichbleibend nur noch einen Namen: Ludwig Becker, zuerst Schuhmacher-gehilfe, dann Schuhmacher, 1939 Schuhmacher im Ruhestand, 1951 "Invalide" und ab 1954 Rentner. 1937 und 1939 wohnte auch eine Friederike Becker unter der Adresse. Vermutlich ist Nr. 17 auf Fotos der 1960er Jahre von Karl-Heinz Brunk zu sehen, etwas unscheinbar im Schatten des mächtigen Hauses Löwengasse 20. Darauf sind allerdings zwei unterschiedlich kleine Häuser zu sehen, die nebeneinander giebelseitig zur Katharinengasse stehen. Warum das so ist, ist den Autoren bisher rätselhaft. Nach Zeitzeugenangabe wehrten sich die Eigentümer von Nr. 17 lange Zeit gegen den Zwangsverkauf der Immobilie. Sie wurde spätestens um 1970 mit dem Rest der Löwen- und Katharinengasse zum Nutzen und Frommen des Horten-Kaufhauses abgerissen. |