Hausnummern in der Katharinengasse
Destilliert aus den Adressbüchern 1906, 1917, 1920, 1921, 1922, 1925, 1927, 1931, 1937, 1939, 1951 und 1954, dem Kriegsschadensplan der Stadt Gießen vom Mai 1947 und einer Skizze des Planungsamts von 1948
Von Gunter Klug
Die Hausnummern 1, 2 und 16 waren im Betrachtungszeitraum nie belegt, da- von Nr. 2 (zusammen mit 4 und 6) auf der Planskizze 1948 als unbebaute Fläche hinter der Kaplansgasse 23 zu erkennen. Die Hausnummern 3 und 5, offensichtlich mit Gewerbeimmobilien – Lager, Schuppen – bebaut, erhielten nur zeitweilig Adressbucheinträge. Nach- kriegsbilder der zerstörten Kaplansgasse legen nahe, das auch die Katharinengasse etwas abbekommen hatte. Ein 50er-Jahre-Foto der letzten verbliebenen Häuser auf der linken Seite der mittleren Katharinengasse, über bereits bewachsene Trümmergrundstücke hinweg aufgenommen, scheint das ebenfalls zu bestätigen. Auch zwischen Teufelslustgärtchen und Katharinengasse könnte es Schäden gegeben haben. Leider scheint der Kriegsschadensplan stellenweise unzuverlässig zu sein, denn hier sind die Nummern 3, 5, 8, 12 und 15 als Totalverlust registriert. Auch die Fläche, auf der eine Nr. 16 hätte stehen können, ist weiß, was gemäß der Legende einen Zerstörungsgrad von 100% bedeuten würde. Allein, es gibt ein Foto aus den 1960ern, auf dem an dieser Stelle unübersehbar ein altes Haus steht.
Hausnummer 3 war laut Adressbuch 1931 eine "Scheune und Stallung" im Besitz des Metzgermeisters Karl Sack. 1937 war daraus ein "Bauplatz" im Be- sitz des Metzgermeisters Gustav Sack geworden. Seit 1939 kein weiterer Eintrag mehr. In der Planskizze 1948 jedoch mit Bebauung eingezeichnet.
Hausnummer 4 Dieses Haus tauchte nur im Adressbuch 1906 auf, als Besitzer waren "Schwalb Erben" aufgeführt. Im Haus wohnte jedoch lediglich eine Mieterin namens Charlotte Schäfer, deren Beruf mit Näherin angegeben war. Sie war die Witwe von Friedrich Schäfer.
Hausnummer 5 1931 verzeichnete das Adressbuch unter dieser Nummer eine Scheune im Besitz der Stadt Gießen. Dies blieb der einzige Eintrag zu Katharinengasse 5. Im Gießener Anzeiger vom 8.8.1932 wurde über eine Straßen- sperrung zwischen Kaplansgasse und Katharinengasse 7 wegen Abbruchar- beiten der Scheune und Stallung Katharinengasse Nr. 5 in städtischem Besitz informiert. |
Hausnummer 6 Eigentümer der Nr. 6 war 1906 der Wirt Wilhelm Nagel, das Gebäude war aber nicht bewohnt oder bewohnbar. In den nachfolgend zur Verfügung stehenden Adressbüchern wurde das Haus nicht mehr aufgeführt.
Hausnummer 7 Das Haus hatte allein von 1906 bis 1925 drei verschiedene Besitzer. Zunächst eine Marie oder Maria Kümmel, Witwe des Schreinermeisters Heinrich Kümmel, die 1920 selbst nicht mehr dort wohnte. 1921 gehörte das Haus Johann Lapp und 1922 seiner Witwe. In den nächsten der vorliegenden Adressbüchern hieß der Eigentümer Wilhelm Rinn, städtischer Arbeiter (1931 Rentner). 1937 war das Haus dann an den Gastwirt Fritz Burk übergegangen, der dort aber aber weder ein Gewerbebetrieb noch im Haus wohnte. Im Kriegsschadensplan war das Haus mit einem Zerstörungsgrad von 36 bis 50% eingetragen, wurde aber offenbar wieder hergerichtet. In den Nachkriegsadressbüchern 1951 und 1954 war als Besitzerin Lina Burk, Wwe. eingetragen. Die Mieterschaft blieb vor 1939 relativ stabil, eine Mieterin z.B. wohnte über den gesamten betrachteten Zeitraum im Haus. 1951 und 1954 kam dann Unruhe in die Zusammensetzung der Mieter und die Zahl der Mietparteien stieg um ca. 50%. Zusammen mit den Nummern 9 und 11 ist das Haus von vorne auf einem Nachkriegsfoto zu sehen.
Hausnummer 8 Das erste bewohnte Haus auf der rechten Seite der alten Katharinengasse. Besitzer 1906, 1917 und 1920 war der nicht im Haus wohnende Georg Kinkel, ab 1921 dann der Händler Peter (Jakob) Ries. 1931 war auch noch ein "Ries, Peter, Händler" als Mieter im 2. Stock geführt, vermutlich ein Verwandter von Jakob. Dieser Mietereintrag existierte auch noch 1937 und 1939, während in diesen Adressbüchern als Besitzerin Christine Ries, Wwe. als Eigentümerin (1939 ohne Zusatz Wwe.) und Bewohnerin geführt wurde. Nach- dem 1939 nur noch drei Mieter eingetragen waren, tauchte die Hausnummer in den Nachkriegsadressbüchern nicht mehr auf, da das Haus im Krieg völlig zerstört wurde. Nur in der Entfernung als ausgebrannte Ruine oder aus spitzem Winkel auf dem Foto oben auf dieser Seite zu sehen.
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Hausnummer 9 Laut den Adressbüchern 1906, 1917 und 1920 gehörte das Haus Marie bzw. Maria Kümmel, zugleich auch Besitzerin von Nr. 7. Auch in Nr. 9 hat sie nicht gewohnt. Seit 1921 war das Haus durchgehend im Besitz des Fuhrmanns Georg Goß. Offenbar war die Nr. 9 ein kleines Haus mit maximal zwei zusätzlichen Vermietungen. Nicht einmal Ausgebombte oder Flüchtlinge wurden in den 50er Jahren hier einquartiert. Zusammen mit den Nummern 11 und 7 frontal auf einem Nachkriegsfoto zu sehen.
Hausnummer 10 Ein offenbar ebenfalls kleines Haus, im Adressbuch 1906 als Eigentum des Küfermeisters Karl Herbert registriert. Ab Adressbuch 1917 war es dann Eigentum der Hebamme Lina Herbert, und ging zwischen 1931 und 1937 an den Werkmeister Heinrich Geißler über. Die ganze Zeit gab es nur einen einzigen, immer gleichbleibenden Mieter. Irgendwann vor 1951 war Immer -noch-Besitzer Geißler nach Lollar verzogen, und es lebten zwei neue Mieter im Haus. 1954 war die Adresse nicht mehr verzeichnet. Kein Foto bekannt.
Hausnummer 11 1906 hieß der Eigentümer dieses Hauses "Allgemeiner Verein für Armen- und Krankenpflege". Anscheinend war aber keine Einrichtung des Vereins im Haus untergebracht, es gab stattdessen fünf Mietparteien. 1917 und 1920 war es dann im Besitz des nicht im Haus lebenden Georg Kinkel. 1921 und 1922 war dann der Tagelöhner (!) Wilhelm Schnabel neuer Hausbesitzer; 1925, 1927 und 1931 hieß der Besitzer Mich. Heiner, Niederasphe. Als neuer Eigentümer war 1937 dann Gabriel Montaigne, in den beiden Adressbüchern zuvor als Mieter, eingetragen (Beruf 1927 Mechaniker, 1931 "Milchhändler", und dann bis zuletzt wieder Mechaniker). Kleines Haus, in den Jahren nach 1906 waren meist drei, einmal auch vier Mieter gelistet. Zusammen mit den Nummern 9 und 7 auf einem Nachkriegsfoto zu sehen.
Hausnummer 12 und 12 H Besitzer Georg Reh, 1906 bis 1921 Lackierer, 1927 Fabrikarbeiter, 1931 bis 1939 "In- valide". Es gab über die Jahre jeweils vier oder fünf Mietparteien im (Vorder-) Haus, dazu meist drei im als "H" gekennzeichneten Hinterhaus. 1917 bis 1922 übte der Schneider Clemens Narz im Parterre des Hinterhauses sein Gewer- be aus, nach seinem Tod übernahm seine Frau Christine Narz bis 1931. 1937 und 1939 war sie nicht mehr im Parterre, sondern im ersten Stock aufgelistet. 1951 war Nr. 12 nicht nehr eingetragen, stattdessen tauchte 12H solo im Adressbuch auf. 1954 hieß es dann wieder"12", nunmehr im Besitz der Stadt Gießen. Im Kriegsschadensplan 1947 war das Haus als Totalschaden ausgewiesen. Anscheinend aber hatte das Hinterhaus überlebt. Im Plan ist eine nicht nummerierte, unbeschädigte Struktur hinter Nr. 12 eingezeichnet. Da Nr. 12 nicht wiederaufgebaut wurde, mutierte Nr. 12H im Adressbuch 1954 zu Nr. 12. Die gegenüber früher geringere Zahl der Mieter spricht dafür, ebenso, dass von den Vorkriegsmietern auch keiner mehr gemeldet war. Auch auf der 1948er Planskizze ist das Hinterhaus gut auszumachen. Es grenzte mit der Rückseite an das weit abseits der Straße gelegene Haus Kaplansgasse 27. Kein Foto bekannt.
Hausnummer 13 1906 war dieses Haus auf den Knecht Anton Krick eingetragen, der es dann irgendwann verkauft hat. Von 1917 bis 1927 hieß der nicht im Haus wohnende Besitzer Georg Kinkel, dazu gab es vier Mietparteien mit relativ kleiner Fluktuation. Danach in keinem Adressbuch mehr aufgeführt, das heißt, das Haus stand schon nicht mehr, als die Bomben fielen. Entsprechend fehlt es auch in den Plänen. Auf dem Nachkriegsfoto der Nummern 7, 9 und 11 ist dort außer einer Brachfläche nichts mehr zu sehen.
Nummer 14 Letztes im hier behandelten Zeitraum eingetragenes Haus auf der rechten Seite. Im Adressbuch von 1906 gab es keine Nr. 14, möglicherweise wurde das Haus also erst zwischen 1906 und 1916 gebaut. Besitzer war 1917 und 1920 Heinrich Becker |
(nicht im Haus wohnend), 1921 gefolgt vom ebenfalls zunächst nicht im Haus wohnenden Adolf Best, der erst zwischen 1922 und 1925 dort auch Quartier nahm (und vorher in der Kaplansgasse 29 wohnte). 1927 und 1931 war Best als Dienstmann und Fuhrunternehmer bezeichnet, 1931 dann als Spediteur, Spedition u. Möbeltransport – Katharinengasse 14 wurde also zwischen 1927 und 1931 auch die Bestsche Firmenadresse. Im März 1933 wurde im Gießener Anzeiger verkündet, dass am 30.6.1933 Grundstück und Haus zwangsversteigert werden sollten. Offenbar konnte die Zwangsversteigerung abgewendet werden, die Hintergründe sind unklar. Zu den Mietern zählten seit 1931 unter anderem die Herren Heinrich Repp sen. und jun., wobei der Junior 1937 als Hefevertreter firmierte und mit Karl Repp ein drittes Familienmitglied als Vertreter zur Seite hatte. 1939 war aus diesem Samenkorn ein weiteres Gewerbe im Haus gewachsen, nämlich die Nord-West-Deutsche Hefe- und Sprit-Werke AG, im Parterre der 14 residierend. Im Adressbuch 1951 war nur noch K(arl). Repp im Haus gemeldet, und aus der AG war die Repp u. Sallwey Hefegroßhandlung geworden. Demselben Adressbuch war auch zu entnehmen, dass Besitzer Adolf Best mittlerweile im Ruhestand lebte und die Spedition aufgegeben hatte. 1954 waren zuletzt als Besitzer Adolf Best u. Söhne eingetragen, und als Überrest aus der Blütezeit des Hefehandels verblieb der kaufmännische Angestellte Erwin Sallwey als Mieter im II. Stock. Der Abbruch war wohl um 1963. Kein Foto des Hauses im Bestand.
Hausnummer 15 Das vorletzte Haus auf der linken Seite der Katharinengasse. 1906 bis 1939 durchgehend im Besitz von Wilhelm Schumann, einem Bahnschlosser, ab 1927 im Ruhestand. Im gleichen Zeitraum hatte er ein und denselben Mieter, nämlich den Dachdecker (anfangs Geselle) Theodor Rohrbach, wobei 1931 einmalig drei weitere Mitglieder der Familie Rohrbach im Haus gemeldet waren – schlechte Zeiten vermutlich. 1951 war Nr. 15 dann aus dem Adressbuch verschwunden, allerdings nur, um 1954 noch einmal völlig verändert wiederzukehren – sie war zum Lager des Dachdeckergeschäfts Pfeiffer & Müller geworden. Scheinbar lediglich eine Flächennutzung, denn im Kriegsschadensplan 1947 war Nr. 15 als Totalschaden eingezeichnet; zu Beginn der 60er Jahre bereits verschwunden.
Hausnummer 17 Das Haus der vielen Besitzer und wenigen Mieter lässt so einige Fragen offen. 1906 hieß der nicht im Haus wohnende Besitzer von Nr. 17 Christian Haubach, seines Zeichens Maurermeister. 1917 und 1920 dann auf Louis Becker (ebenfalls nicht im Haus gemeldet) eingetragen, und ab 1921 war das Haus bis 1925 von einem Dr. Fischer aus Gotha übernommen worden. 1927 hieß der neue Besitzer Leopold Stern. Als einziger Bewohner war in all den Jahren (außer 1906 einem "Laufmädchen") Christian Vaubel gemeldet, 1917 und 1920 als Schneider ausgewiesen, 1921 bis 1927 als Feuerwehrmann. Ab 1931 gab es unter der Adresse gleichbleibend nur noch einen Namen: Ludwig Becker, zuerst Schuhmachergehilfe, dann Schuhmacher, 1939 Schuh- macher im Ruhestand, 1951 "Invalide" und 1954 Rentner. 1937 und 1939 wohnte auch eine Friederike Becker unter der Adresse. Vermutlich ist Nr. 17 auf 1960er-Jahre-Fotos von Karl-Heinz Brunk zu sehen, etwas unscheinbar im Schatten des mächtigen Hauses Löwengasse 20. Auf dem Foto sind allerdings zwei unterschiedlich kleine Häuser zu sehen, die nebeneinander giebelseitig zur Katharinengasse stehen. Warum das so ist, ist den Autoren bisher rätselhaft. Nach Zeitzeugenaussage wehrten sich die Besitzer von Nr. 17 gegen den Zwangsverkauf. Das Haus wurde spätestens um 1970 mit dem Rest der Löwen- und Katharinengasse zum Nutzen und Frommen des Horten-Kaufhauses abgerissen. |