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TEXTE ZUM FILM

 

TERROR DER BILDER
UND DER TUGEND

Beim Wort "Splatterfilm" kräuselt sich des Sozialpädagogen Nackenhaar, erstarrt Pfarrers Sonntagspredigt zum katatonischen cliffhanger. "Spattermovie" , "Gore", "Zombiefilm" - der Schwarze Mann des Medienzeitalters. Begriffe, die Filmen zugeschrieben werden, die vieles trennt, die aber vor allem eines gemeinsam haben: ihren üblen Ruf in der Öffentlichkeit. Und wie so oft, was der Bauer nicht kennt, darüber läßt sich vortrefflich Urteil bilden (lassen) und streiten.

 

"Splatter" heißt zunächst einmal "laut platzen", lautmalerisch angemessen mit "spratzeln" umschrieben. Gemeint ist der billige, grelle swashbuckler-Horrorfilm der B-Kategorie. Wo Verstorbene dekorativ verwest ihren Gräbern entsteigen, wahnsinnige Psychopathen mit Hackebeilen oder (zeitgemäßeren) Motorsägen die Lebenden heimsuchen und drangsalieren. Und, wichtig, die Kamera, sie ist immer "drauf", penibel dokumentarisch - zeigen, was zu zeigen ist. Der Splatter ist Synonym für den Horrorfilm, der seit etwa 1968 das Licht der Leinwand erblickt hat. Hier gilt es jedoch zu differenzieren, denn Splatter ist nicht gleich Splatter.
So einerseits die Sorte in der Nachfolge eines Hershell Gordon Lewis. Seines Zeichens Erfinder des Subgenres für schlechten Geschmack und des totalen Zeigens, führte er Mitte der 60er Jahre den (eigentlichen) Splatterfilm ein: Bar jedweder dramaturgischen Finessen waten die Akteure seiner Billigheimer von einer menschlichen Schlachtbank zur nächsten, Berge von Körperteilen und literweise Blut pflastern ihren Weg. Die Liebe des Splatters ist die zum Sensationalismus und blutigen Detail.

Das Jahr '68 markiert zum anderen den Zeitpunkt des Entstehens des im engeren Sinne modernen Horrorfilms. In diesem Jahr erschien George Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD und trat eine Lawine los. Geringes Budget ist auch sein Kennzeichen. Restriktive Produktionsbedingungen aber werden unter den Händen meist junger Regiedebutanten (wie Romero) durch Einfallsreichtum und handwerkliche Fertigkeit wettgemacht. Zwar geht es auch in diesen Streifen mehr oder minder detailfreudig zu, kein Horrorfilm kann auf den Schockeffekt verzichten, gleichzeitig aber mit hintergründigem Witz und bis zum Zynischen reichender Lust am Absurden. Filmemacher, die sich in der Kunst der Montage üben, bewegen sich bereits im Vorhof regelrechten Intellektualismus'. Und nicht selten führt so ein Werdegang vom Schmuddel-Underground geradewegs auf den Olymp reputierlicher Filmkunst, die von ihrer Herkunft nichts mehr wissen will.

1984 wurde im Deutschen Femsehen die Jugend entdeckt. Und was für eine das war: Zwischen medienpolitischem Sendungsbewußtsein und Popmusik plauderten Jugendliche zur besten Programmzeit ganz offenherzig ohne falsche Scham über ihre Vorliebe zum genannten Zombie- und Splattergenre. Dabei rannten die Arglosen voll in die gewetzten Messer einer heuchlerischen öffentlichen Empörung. Moralinsaurer pseudoliberaler TV-Feuilletonismus, gepaart mit den Agenten des herrschenden Kulturkunst-Verständnisses präsentierten sich Januskopfig als (so Diedrich Diederichsen in der Konkret) "Tugendterror" und "Vollfascho". Argumentativen Differenzierungen seit jeher abhold, hagelte es Beschimpfungen der teilnehmenden Videogucker als Schweine und Perverse, wurde die alltime-Forderung nach Verbot und Zensur dessen erhoben, was dem eigenen Vorurteil entspricht. In der Folgezeit überschwemmte die "Gewalthorror"-Debatte die Medien, die sich ihrerseits gierig auf das Ereignis stürzten wie die Zombies aufs Gedärm. Messerscharf in des Wortes Sinn wird vom Geschehen auf der Leinwand auf den Verfall abendländischer Kultur geschlossen.

Aber was ist schon eine "Knochenmühle der Zombies" gegen jene humanistischen Ideale, die nicht ein einziges Auschwitz-Krematorium verhindert sondern erst ermöglicht haben. Wer nicht einstimmt in den Chor der Berufsbetroffenen, ist schlimmer dran als ein Untoter, wird zur Unperson.

Wo die schönen Bilder verschwinden, die Symbolik aufhört, die Imagination, vor allem: die Sublimierung endet, schreitet die Staatsgewalt ein. Dem allgemein erleichterten Zugang zum Genre per Video folgt der Ruf nach Verbot von Zombie- und "Schlitzer" Filmen auf dem Fuß. Die Kurzformel lautet, wer sich "sowas" reinzieht wie andere Leute Kaugummi, ist mindestens gefährdet, ein potentieller Mörder und Irrer, rennt bald selber mit Schlachtermesser rum und schlitzt ahnungslose Passanten in der Fußgängerzone auf.
Neu am modernen Horrorfilm sind also die grauenvollen Bilder, wogegen im traditionellen Horror nur angespielt und weggeschnitten wurde, das Eigentliche dem Atmosphärischen und der Einbildungskraft der Zuschauer überlassen blieb. Inwieweit solch ein "totales Sehen" indes einen langweiligen Film bewirkt, wäre näher am konkreten Beispiel zu untersuchen. Bleibt das Faktum des Voyeurismus.

Nun ist die Medienwirkungsforschung der Zahl nach recht umfangreich. Doch wo viele Köche rühren, gibt es allenfalls Brei und über einen möglichen Nachahmungseffekt nur Schnellschüsse. Wo keine gesicherte Ursachenrelation ("hie Video - da Gewalt") verfügbar ist, bricht die Zeit an für die Sterndeuter des herrschenden Geschmacks. Und das wiederum ist beileibe keine Geschmacksfrage.

Es geht um Film und nicht - oder wenigstens: nicht unmittelbar zugleich - um reale Gewalt, die außerhalb der Kinomauern. Das ist wichtig. Von interessierter Seite wird versucht weiszumachen, Gewalt im Film sei Gewalt selbst. Ein Film ist niemals die Realität, sondern die des Films, eine artifizielle. Und der Horrorfilm, der Splatter zumal, ist ein Genre wie andere, ein tabubeladenes. Auseinandesetzung mit Gewalt als solcher, politisch-praktisch, kann Kino nicht leisten.
Es geht um die häßliche, grauenhafte Asthetik von Film. Dazu ist Kino da. Massaker von My-Lai oder im Heysel-Stadion, "biederer Familienvater bringt Frau und Kinder um und zerstückelt sie..." - Nachrichten "aus aller Welt", die alltägliche mediengerechte Horrordramaturgie. "Tatsächlich besteht Film jedoch aus mehr als nur den Ereignissen auf der Leinwand; erst im Kopf des Zuschauers entsteht das eigentliche Filmerlebnis." (Norbert Stresau. Der Horror-Film)

Zum Mythos des Horrorfilms heute gehört ebenso der Rummel, der darum stattfindet: der Splatter als Popstar, Indizierung und Verbot wie die Legende von um die Wette kotzenden Teenagern, weiland im Autokino, heute vor dem Videorecorder. Die Stars von gestern sind tot (Bela Lugosi, Boris Karloff), passé die Zeiten der poverty row. Special Effects rule und Freddy Krueger is king. Zum Großteil tricktechnisch auf hohem Niveau, besteht die Masse, wie einst, zweifellos aus exploitation, sensationalistischem Abdreschen, Wiederholung einmal erfolgreicher Muster ohne Ambition: PSYCHO-Duschmord, Jack-the-Ripper-/Exorzist-Plot; seit NIGHT OF THE LIVING DEAD und Hoopers TEXAS CHAINSAW MASSACRE das Zombie/Slasher-Thema. Die Undergroundfilmer von einst produzieren heute lhren Nachwuchs. Herausragend jene Filme, die sich der eigenen film- und genregeschichtlichen Grundlagen, Stile, Motive und ihrer Rezeption bewußt sind. Die besten Filme, wie so häufig, die einen Tanz der Teufel auf Messers Schneide vollführen, den Schwarzen Humor auf die Spitze treiben. Wo Spaßvogelregisseure sich Filmzitate gegenseitig um die Ohren hauen und geneigte Kenner/-innen der Materie Ihr diebisches Vergnügen haben am Aufspüren der Hinweise.

Denk- und Diskussionsverbote einzureißen gerade durch die besondere, achterbahnhafte Gewalt jener realen Illusion Film, der man sich freiwillig und (oft genug) gern aussetzt. Zombie- oder Splattermovies verächtlich abzutun, unter Verschluß zu halten, die Tatsache ihrer Existenz zu leugnen, hat keinen Sinn. Wohl kann man sie mögen oder nicht. Fragen des Geschmacks allerdings gehören in die Küche.

Vielleicht stellt sich heraus, daß Verdrängung und Ausschluß konstitutiv für jeglichen Horror sind (und kluge Köpfe haben dicke Bücher darüber geschrieben) - in der Geschichte des Films wie in der eigenen.

Arno Baumgärtel, Ankündigung der Filmreihe "Moderner Horrorfilm" 1988/89

 

 

Arno Baumgärtel
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