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TEXTE ZUM FILM

 

SHOCK CORRIDOR
Regie: Samuel Fuller
USA
1963

Von Rick McGrath

"Wen Gott vernichten will, den treibt er zuerst in den Wahnsinn."

Euripides, 425 v.Chr.

 

Regie, Drehbuch & Produktion: Samuel Fuller; Besetzung: Peter Breck as Johnny Barrett; Constance Towers as Cathy; Gene Evans as Boden; James Best as Stuart; Hari Rhodes as Trent; Larry Tucker as Pagliacci; Paul Dubov as Dr. Menkin Fotografische Leitung: Stanley Cortez, A.S.C. 101 Minuten, S/W & Farbe

Willkommen im Vorhof der Hölle

SHOCK CORRIDOR ist der passende Name des 1963 entstandene B-Movie-Psychodramas von Amerikas unabhängigem, tatkräftigem Geist, Film-Auteur Samuel Fuller. Der Film erzählt die faszinierende Geschichte des erfolgsversessenen Großstadt-Zeitungsreporters Johnny Barrett, der unbedingt den Pulitzer-Preis gewinnen will. Er hat einen kühnen Plan: Indem er sich als sexuell Gestörter ausgibt, verschafft er sich Zugang zur örtlichen psychiatrischen Anstalt, mischt sich unter die Insassen, löst einen ungeklärten Mordfall und schreibt eine preisträchtige Story darüber... Nichts ahnend, welchen Preis er für seinen Erfolg wird zahlen müssen.

Was diesen Film brilliant - zum Meisterwerk - macht, ist die unglaubliche Art, in der Fuller die zu Grund liegende Geschichte eines Mannes mit einem überwältigenden Verlangen nach Erfolg und Anerkennung nimmt, sie allegorisch erweitert und durch eine machtvolle Parabel eine Wahrheit aufdeckt, die einen vom Stuhl haut: Wenn es gelingt, einen Menschen zu zerstören, indem man ihn in den Wahnsinn treibt, dann geht das auch mit einer ganzen Gesellschaft.
Hat man einmal akzptiert, dass Amerika eine einzige Anstalt ist, dann lassen sich die Gesunden von den Kranken nicht mehr unterscheiden, wenn alle den selben symbolischen Korridor entlang gehen.

THIS TEXT IN ENGLISH

Fuller sieht Amerika von einer Moral getrieben, für die nur der Zweck die Mittel heiligt, die verkörperte Entfremdung großer Institutionen - repräsentiert durch die Zeitung, die Anstalt, das psychiatrische Establishment samt einer mit Reibungsverlusten behafteten Bürokratie und Angestellten.

Gegen diesen düsteren aus den Fugen geratenen Hintergrund stellt Fuller seine beiden Protagonisten: der aggressive Johnny (der öffentliche Voyeur) und seine konservative Freundin, die Stripperin Cathy (das öffentliche Objekt des Voyeursimus'). Als Fullers "Enthüller" decken sie eine potente Liste mit symbolischem Inhalt auf. Aber abwarten und anschauen, wie Fuller das alles zu einer staunenswerten Abrechnung über den geistig-moralischen Zustand Amerikas zusammenrührt.

Wen Gott vernichten will, den treibt er zuerst in den Wahnsinn.

Das berühmte Euripides-Zitat stellt Fuller zu Anfang und Ende des Films, und das ist nur eine der intellektuellen Anspielungen (Hamlet, Freudsche Psychologie, Dickens), was die Kluft zwischen dem Film und seinem vermutlich ungebildeten Publikum nur noch vertieft hat.
Der DVD-Trailer übertreibt den Film als "unglaublich realistisch", zeichnet ein klinisches Bild der Hauptfiguren, präsentiert in schnellen Clips praktisch den ganzen Sex und die Gewalt, und verspricht Unterhaltung, mit einem "gewaltigen Schlag" durch die "Schockbarriere". Das von einem derart tabugesättigten Trailer angelockte Publiukm muss sich durchaus geschockt vorgekommen sein angesichts des Films, den es dann sah. Statt atemlos von einer Gewaltorgie sexueller Sonderlinge zur nächsten zu hasten, fand es sich in einer aggressiven Allegorie wieder, die zweifellos eine gewisse Beunruhigung ausgelöst hat, dass das ganze Leinwandgemetzel doch eine tiefere, abgründige Bedeutung haben musste. Und die es auch hat. Fullers Warnung ist die Umkehrung von Euripides: Amerika ist verrückt, das ist der Beweis für Gottes Plan, es zu vernichten. Und SHOCK CORRIDOR bietet eine "Beweis"-Montage, die Fullers damals radikaleThese stützt.

Beweis Nr. 1: Der Ort.
Das zentrale Symbol ist der große Flur der Anstalt, vom wärterähnlichen Personel ironisch "Hauptstraße" genannt. Und man muss nicht den Blues haben, um zu sehen, dass es eine einsame Straße ist, stark klinisch geprägt, gesäumt von harten Holzbänken, dazwischen große Heizkörper. Das grelle Licht knallt herunter und intensiviert das Schema schwarz-weiß/gesund-wahnsinnig. Zwischentöne des Verständigens und Verstehens gibt es nicht, keine Pflanzen und Lebenszeichen, keine Kunst, Phantasie, Anzeichen von Sinn oder intellektueller Neugier. Die Straße ist das Anstaltszentrum, und Fuller setzt sie ganz offen gleich mit der Hauptstraße, USA.

Beweis Nr. 2: Die Menschen.
Johnny und Cathy sind nicht nur Träger der Handlung, sondern stehen auch für das sexuell Abweichende in B-Movie-Standards. Man könnte behaupten, Johnnys implizite sexuelle Probleme seien der Grund für seine zwanghaften Vorstellungen von Wohlstand und Einfluss. Ist er impotent? Bevor er in die Anstalt kommt, scheint er für Cathys Charme unempfänglich zu sein. Als er drinnen ist, verwechselt er zunehmend Cathy, die sexuelle Frau (seine Freundin), mit Cathy ,der asexuellen (sie tut, als sei sie seine Schwester). Dieser Mann, der den ganzen Film lang vor sexuellen Begegnungen flieht, leidet an "erotischer Demenz". Aber auch Cathy ist durcheinander. Ihren Stripperjob redet sie sich schön, sie braucht das Geld, blah, blah, blah... Aber was sie immer noch braucht, ist die Aufmerksamkeit fremder Männer, die lüsternen Blicke auf ihrem Körper. Eine rosafarbene Boa hat es ihr angetan, und sie trägt gern Körperformen betonende Sachen. Diese Verselbständigung zu einem Softporno-Artikel scheint ihre Flucht vor einer offenen, warmherzigen Beziehung zu sein. Was widerrum viel über ihre Anziehungskraft auf den sexuell neutralen Johnny verrät. Ganz ein unfruchtbares Paar. Exhibitionismus ist ihr Mittel, um Bewunderung auf sich zu lenken. Für Johnny ist es die Aussicht auf einen prestigeträchtigen Preis, der ihm Anerkennung verschaffen soll, Zuflucht für einen mit geringem Selbstbewusstsein. Seine Absicht ist es, den Ruhm sein ganzes Leben lang zu genießen - "es wird ein Buch geben - vielleicht sogar einen Film". Wie ironisch kann man werden?
Er verliert, indem er gewinnt, das ist die göttliche Strafe seiner (und der amerikanischen) Hybris. Zuletzt sieht man ihn als - wie der sadistische Dr. Menkin ohne Feingefühl bemerkt - "einen verrückten Stummen mit Pulitzer-Preis". Poetische Gerechtigkeit, oder nicht?

Beweis Nr. 3: Die Patienten.
Ein Geniestreich. Mit drei Patienten schafft es Fuller, drei Themenbereiche des amerikanischen Wahninns zu repräsentieren: Fremdenangst, Rassismus und Atomkrieg. Johnny sucht sich jeden einzeln heraus, um etwas über den Mord und die Identität des Mörders zu erfahren. Was er aber tatsächlich herausfindet, ist Wahnsinn mit Methode: Psychose als ultimatives Heilmittel, die beste Art, um einer schmerzvollen Wirklichkeit aus dem Weg zu gehen. Schatten von Pink Floyd. Dass Johnny, verbissen darauf aus, einen Mordfall zu klären, seine Chance verpasst, eine "wirkliche" Pulitzer-Preis-Story über das Leben der drei unglücksseligen Patienten - Stuart, Dr. Boden und Trent - zu schreiben, die ja die raison d'être des ganzen Films sind, ist ein Teil der grimmigen Ironie von SHOCK CORRIDOR. Sie sind wie drei leere Leinwände, über die Fuller sich mit breiten, eindringlichen und strafenden Strichen hermacht. Letztlich ist der Inhalt aller drei Porträts der selbe: Jedes Opfer hat sich in eine ironische Antithese seines früheren Selbst verwandelt. Willkommen im Land der Unterdrückten und Sanftmütigen.

Da ist Stuart, ein einfacher Südstaatler, der das Pech hatte, mit einer ständigen Diät aus Boshaftigkeit seiner fremdenfeindlichen Eltern aufzuwachsen, eine Gehirnwäsche des Hasses, bis er "bereit war, zu irgendjemand überzulaufen". Im Koreakrieg gefangen genommen und zum Kommunismus bekehrt, half er, gefangenen Amerikanern Gehirnwäschen zu verabreichen, bis er wiederrum von einem zurück nach Amerika bekehrt wurde. Er kommt zurück, wird geächtet als sozial Ausgestoßener und verfällt dem Wahnsinn. In seiner Vorstellung kämpft er als Südstaatengeneral Jeb Stuart wieder und wieder den Bürgerkrieg und entwickelt Pläne, in denen Amerikaner einander umbringen... wegen der Ideologie.

Ein weiteres Symbol ist Dr. Boden, ehemals ein exzellenter Kopf und bei der Entwicklung der Atombome beteiligt. Cleverer Typ, der gern mit Gleichungen spielt? Okay. Fuller macht aus ihm ein Kind von sechs Jahren, das Kreidemalen und Versteckspielen liebt. Durch seine kindlichen Äußerungen spricht Fuller, legt seine Finger auf die Wunde des damaligen Großmächtespiels der sicheren gegenseitigen Vernichtung zwischen den USA und Russland.

Der erstaunlichste aller Fullerschen Patienten ist Trent, erster schwarzer Student, der eine komplett weiße Südstaaten-Universität besuchen durfte. Was für ein Druck. Nicht nur gut, besser als seine weißen Kommilitonen muss er sein. Und er muss die zischende Mauer des Hasses umgehen, die ihn auf dem Campus des Feindes in jedem Augenblick umgibt. Unter dieser Last bricht Trent schon bald zusammen, sein Ausweg daraus ist klassisch. Anstatt sich eine Uzi anzuschaffen und die grauen Zellen seiner Peiniger über die Efeu bewachsenen Wände zu verteilen, kommt er zu dem Schluss, dass seine Feinde Recht haben und weiß überlegen ist. Er salbt sich selbst zum Großwesir des Ku Klux Klans, verbringt seine Zeit damit, aus geklauten Kissenbezügen Kutten herzustellen, stachelt zum Angriff auf andere schwarze Kommilitonen auf und hält rassistische Monologe.
Unglaublich, aber er bringt einen katatonischen Patienten dazu, seinen Arm zum Nazigruß zu erheben und behauptet, es sähe wie die Freiheitsstatue aus.
Die übliche weiße Überlegenheitspropaganda von einem Schwarzen kommen zu lassen, diese Wendung ist Fullers Geniestreich. Die Szene, in der Trent eingeführt wird, ist einer der Film-Highlights. Man hört die rassistische Hass-Litanei lange bevor Trents Gesicht zu sehen ist. Das Atemholen im Publikum wird hörbar.

Auge des Tigers

Stilistisch visuell ist SHOCK CORRIDOR ein wahrer Genuss. Fuller, hier mit der absoluten Kontrolle über den Film, bedient sich der herausragenden Kameraarbeit von Stanley Cortez (THE MAGNIFICENT AMBERSONS (1), NIGHT OF THE HUNTER (2)). Er hält die Kamera in Bewegung von Halbnah- zu Nahaufnahmen, stellt die psychologischen Reaktionen seiner Figuren heraus und zeigt durch extreme Nahaufnahmen die Angst (Anm.d.Ü.: Originalausdruck) und die Langeweile, die von den Pappkulissen nur gesteigert werden.

Sehr gut ist die Schauspielerei. Peter Breck spielt den aufgeblasenen Johnny bis zur Vollkommenheit. Mit staunendem Blick verfolgt man seine kaum kontrollierten, leicht übertreibenden Versuche des vorgetäuschten Irresein, ebenso wie die überdrehten des tatsächlichen Irren. Breck fängt Johnnys Abgleiten in den Wahn mit fein abgestimmter Leistung ein, die ihren Höhepunkt findet in der unglaublichen Korridorszene, als er im strömenden Regen von einer geschlossenen Tür zu nächsten rennt und Blitze niedergehen. Er scheint sich gut in Johnnys Obsessionen hineinversetzen zu können, besonders gut ist er dann, wenn er Ereignisse vernimmt und Schlagzeilen seines geplanten Artikels über Verbrechen zitiert. Constance Towers spielt eine würdige Stripperin Cathy mit ihrem Geplapper über Johnny, am stärksten bei ihrem ersten Striptease, wo sie nicht die Vogelscheuche gibt, die sich auszieht, sondern sie mit bemerkenswerter Routine tanzt. Eine gute Besetzung, profitiert sie fraglos auch davon, dass sie mit Sam verheiratet ist - vor allem weil er dazu neigt, sie in Großaufnahmen zu zeigen, eben gerade einen Tick zu lang.

Hari Rhodes liefert eine außerordentliche Leistung als Trent, der schwarze Schwarzenhasser. James Best ist sehr glaubwürdig als Stuart, der gute alte General, und Gene Evans ist eine gute Besetzung als Boden. Und dank der Arbeit von Art Director Eugene Laurie spielt sich der Korridor in Perfektion selbst.

In dieser Welt der starken Kontraste und schwarz-weißer Bilder funktioniert die Parabel besonders gut. Man findet hier jede Menge noir-mäßige Ausleuchtung über Gesichtern und Wänden, viele Schatten, helles Licht, tiefen Schwermut. Es gibt überraschend viele komplexe, ausgefeilte Kampfszenen, viel schnelle Action mit aggressiven Aufnahmen von Gesichtern und Inserts, vielschichtige Spezialeffekte und die üblichen Anmutungen von Verdächtigungen. Was man will.

Berühmt ist SHOCK CORRIDOR auch für einen einzigen Fullerismus: Es handelt sich um einen Schwarzweißfilm, aber als sie sich mit Johnny unterhalten, kommentieren und beschreiben alle drei Mordzeugen kleine "Traumfantasien" in Farbe. Ihre Träume? Kleine Schnipsel auf amateurhaftem 16 mm-Material, die Fuller für einen anderen Film gemacht hatte!
Er schreibt einfach passende, erklärende Dialoge dazu, etwa für den Berg Fuji, Buddhisten, Amazonenkriegerinnen, Züge - was den ansonsten langweiligen Aufnahmen den zauberhaften Charme eines WIZARD OF OZ (3) verleiht.

Und es gibt noch mehr. Nach Angaben von Filmkritiker Panos Cosmatos stammen die Farbaufnahmen der für SHOCK CORRIDOR verwendeten Amazonenstämme im Original von 1954 aus dem Film TIGRERO, in dem John Wayne spielen sollte. Den Film hat es nie gegeben. Aber 40 Jahre später ging Fuller in den Dschungel zurück und zeigte die Aufnahmen noch einmal den selben Eingeborenen. Daraus machte er 1995 die Dokumentation TIGRERO: A FILM THAT WAS NEVER MADE.

Was? Keine DVD-Zugaben?

Dafür dass dies hier eine überteuerte Criterion DVD ist, gibt es rein gar nichts an Extra-Features. Mensch Leute, nehmt euch ein Beispiel an eurer Billigkonkurrenz! Ein Fuller-Überblick von Tim Hunter, das ist alles. NAKED KISS (4) ist genau so karg.

Eine machtvolle, einzigartige Vision

SHOCK CORRIDOR entstand 1963. Das ist heute die "Camelot"-Ära der US-Geschichte - diese jugendlichen, selbstbewussten Tage vor der Ermordung JFKs, dem Vietnam-Krieg und der britischen Rockmusik.
In Wirklichkeit versuchte das Amerika von 1963 vergeblich, eine ganze Reihe schwelender Probleme zu ignorieren - die Welt steckte tief im Kalten Krieg und die Öffentlichkeit litt an Alpträumen wegen der Kuba-Krise. In den Südstaaten standen die rassistischen Spannungen kurz vor dem Überkochen, hinein in die erste landesweite schockierende Fernsehübertragung von Rassenunruhen, Protestmärschen, Martin Luther King und der Nationalgarde. Der perfekte Zeitpunkt für unabhängige Filmemacher wie Sam Fuller, das Publikum mit Sinngehalt herauszufordern als mit Flucht.

Man sieht Fuller förmlich vor sich, wie er den Film entwickelt. Er will einen sozialen Kommentar zur aktuellen Kultur abgeben... gut, nehmen wir den Kalten Krieg, Rassismus und Hass. Vielleicht noch etwas Sex dazu, das bringt ein paar mehr Penner ins Kino. Fuller war Journalist... gut, dann ist der Held ein Reporter, kann überall rumschnüffeln... Mensch, verrücktes Zeug... Das ist es, wir machen einen Film über eine Irrenanstalt.
Es ist, als ob er all die Grundideen erträumt hat, dann mit dem schwachen und beknackten Vehikel Mordgeschichte kam, um uns alle im Irrenhaus zu erwischen und uns dann seine wahre Botschaft überzubraten.

Im Ernst, das ist ein Blick auf die Gesellschaft durch eine sehr dunkle Sonnenbrille. Letztlich geht es um den Verstand, denn als Johnny anfängt die Steine seiner Wand zu lösen, verflüchigt sich die Mördersuche ins Nichts. Am Ende ist seine obsessive Suche bloß noch eine Chiffre, ein Hinweisschild bei seiner Erforschung des endlosen Korridors, in dem sein Verstand gefangen ist. Die Ironie ist cool: Je näher er dem Erfolg ist, umso kranker wird er... bis er am Ende, triumphierend, in seine neue Rolle als Cheftexter der stillen Stadt Katatonia schlüpft. Für Amerika ist die Botschaft dagegen laut und klar. Manchmal rechtfertigt das Ziel nicht die Mittel.

Die erfindungsreiche Art, wie Fuller seine Ideen herüberbringt, macht diesen Film so zwingend. Wie die Folkmusik und Beatnik-Subkultur jener Tage ist diese Allegorie eine Strafpredigt mit erhobenem Finger, und Fuller setzt sein ganzes Talent ein, den bedauernswerten Zustands Amerikas im Kalten Krieg anzuklagen.

Das Wichtigste, SHOCK CORRIDOR gehört zu den seltenen Exploitation-Streifen, die Meisterwerke sind. Während sich die üblichen B-Movie-Tabus der Zeit darin finden - eine fulminante Musicalnummer, ein brutaler Angriff einer Bande kannibalistischer Nymphomaniacs, Inzestanmutungen sowie eine pflichtschuldige Elektroschockszene - liegt die Genialität von SHOCK CORRIDOR in Fullers gewagter revolutionärer Darstellung dessen, was er an der Gesellschaft als dystopisch sieht. Die Zeit war voller Spannung und irrational - von späteren Filmen wie DR. STRANGELOVE (5) bis zur Perfektion veralbert - und Fuller bedient sich ihrer psychischen Ausformung (Anm.d.Ü.: "gestalt" im Original), er nutzt das Genre des Anstaltsfilms, als kommerzielles Medium ansonsten nur selten für so starke Sozialkritik im Gebrauch, als Plattform für eine machtvolle einzigartige Vision.

Auch heute noch, in der so genannten "fortschrittlichen" Kultur, wenn Gewalt mit Hitech-Waffen und schusssicheren Westen auf den Straßen und in unseren Schulen aufbricht, sticht Fullers Enthüllung, wie die Gesellschaft einen in den Wahnsinn treiben kann, heraus. Die Liste ist immer noch aktuell: Rassenhass, Waffenvergötterung, Eskapismus als Unterhaltung, Zwangsvorstellungen. Es verwundert, warum dieser Film noch kein Remake erlebt hat, Amerikas Wahn auf den neuesten Stand gebracht. Wie sagt einer des Anstaltspersonals zu Johnny: "Wir sind hier, um ihnen dabei zu helfen, das sie sich daran erinnern nicht zu vergessen." Vielleicht brauchen wir auch einen Erinnerer.

© Rick "Ojo" McGrath 10/2000 - Die Wiedergabe dieses Textes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis von Mr. McGrath. Deutsche Übersetzung: Arno Baumgärtel

(1) Der Glanz des Hauses Amberson, Regie: Orson Welles, 1942
(2) Die Nacht des Jägers, Regie: Charles Laughton, 1955
(3) Das zauberhafte Land aka: Der Zauber von Oz, Regie: Victor Flemming, 1939
(4)Der nackte Kuss. 1964
(5)
Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben, Regie: Stanley Kubrick, 1965

Erschienen auf www.rickmcgrath.com

 

Arno Baumgärtel
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