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TEXTE ZUM FILM

 

HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER
Regie: John McNaughton
USA 1986

Von Chas Balun (*1948 +2009)

John McNaughtons Film HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER wurde fast überall außer bei den Filmfestivals vor die Tür gesetzt. Nachdem er beim Chicago Filmfestival 1986 gezeigt worden war, wurde er gleichermaßen bekannt wie berüchtigt und ist seitdem nur kurz in Mitternachts- oder Sondervorstellungen zu sehen gewesen.

 

Viele potenzielle Verleiher hatten zum einen ihre Probleme mit der brodelnden Mischung aus mörderischer Raserei, sexuellem Missbrauch, Muttermord, Inzest und Folter und wurden zum anderen abgestoßen durch die eher beiläufige und kühl-distanzierte Haltung des Films seinem titelmäßigen Antihelden gegenüber. Und kein Wunder, im Vergleich zu dem menschlichen Treibgut aus seiner Nachbarschaft ist Henry eine ziemlich anständiger, ja sogar netter Kerl. Selbstverständlich mit ein paar bemerkenswerten Ausnahmen. HENRY sorgt von Beginn an für Ärger. Denn der Film basiert nicht nur sehr lose auf den leibhaftigen Taten von Henry Lee Lucas, einer zahnlückigen, widerwärtigen Inzucht, der damit prahlte, in einer Zehn-Jahre-Serie über 300 Leute umgebracht zu haben. John McNaughton und sein Co-Autor Richard Fire haben ein paar weitere unerfreuliche spekulative Elemente mit hineingepackt, die schließlich diese explosive Mixtur aus Fakten, Fetisch und Fantasie potenzieren.

Mehrere anfänglich interessierte Verleiher bekamen Hemmungen, als der Film von der MPAA mit einem "X" bewertet wurde. Normalerweise erhält der betroffene Filmemacher von der MPAA eine Liste mit Vorschlägen für Schnitte, im Fall HENRY jedoch war man der Verzweiflung nah. Das "X" bekam der Film für den "allgemeinen Ton", und die MPAA befand, er sei unmöglich so zu umzuschneiden, um ihm ein "R" zu verpassen. In einem späteren Interview erklärte McNaughton frustriert, es sei, als ob "jedes Teilstück kontaminiert sei... wie bei einem Hologramm oder so ähnlich." McNaughton legte Berufung gegen die Beurteilung ein und bekam ein weiteres "X" um die Ohren gehauen. Er sah sich langsam gezwungen, der MPAA zuzustimmen, dass der Film nicht für ein "R" zurechtgeschnitten werden konnte. Nach jahrelangem Hin und Her wurde HENRY von MPI Home Video übernommen, und man plant, ihn schließlich ungeschnitten zu veröffentlichen.

Tatsächlich hat HENRY sich sein "X" wohl verdient. Sehr zu seiner Ehre muss man sagen, er schwenzelt nicht um den heißen Brei herum und flirtet nicht bloß mit der gefürchteten "X"-Bewertung. Er stürmt sofort hinein und gewinnt es verdientermaßen schon in den ersten paar Minuten. Kaum jemand, auch der Regisseur nicht, wird die Richtigkeit der Bewertung bestreiten. Und obwohl die Gewalt entweder außerhalb des Bildes passiert oder schon geschehen ist, sind die Stärke und Schockwirkung der Morde voll präsent. Langsame, schmerzhaft nachklingende Aufnahmen enthüllen eine scheußlich verzerrte menschliche Mordlandschaft; erdrosselte Opfer, erstochen, erschossen und in Stücke gehauen. Und meistens suggerieren diese grausigen Szenen noch weitaus Schlimmeres, als man zu sehen bekommt.

Der Nachhall eines ganz besonders üblen und grausamen Mordes am Anfang des Films stellt eine explizite Warnung dar, dass die Reise äußerst unangenehm wird. Wahrscheinlich liegt hier der Grund dafür, dass der Film in Ungnade gefallen ist. Es ist auch ein tiefer Fall.
Nach einer außerordentlich gut fotografierten und orchestrierten Montage eines Blutbadchaos nach erfolgter Tat gleitet die Kamera langsam von einem Raum zum anderen und gibt dabei den Blick frei auf ungesehene Bilder von Ekelhaftigkeiten, die einem den Magen umdrehen. Eine Frau, Arme und Beine gespreizt und gefesselt, sitzt auf einer Kloschüssel, ihre Unterwäsche mit Gewalt durcheinander gebracht, eine gebrochene Softdrinkflasche halbwegs in ihre Kehle gerammt. Akustische Flashbacks lassen uns die letzten Augenblicke ihres Todeskampfes hören. Es ist wirklich eine abscheuliche Szene. Ein unerwarteter Hieb in die Magengrube, ein Tiefschlag in die Eier, dass einem die Galle hochkommt. Von hier ab sollte man mit allem rechnen... Und HENRY tut von Zeit zu Zeit alles, um dem gerecht zu werden.

Obwohl die "X"-Bewertung aufgrund der impliziten und expliziten Gewalt leicht verdient ist, blubbern andere leicht entzündliche Elemente gerade mal unter der Oberfläche. Sex bedeutet in HENRY immer Gewalt, Missbrauch und Perversion. Nahezu jede Figur hat in ihrer Vergangenheit sexuellen Missbrauch erfahren. Henrys Mutter zog ihm Mädchenkleider an und zwang ihn, beim Vögeln mit ihren Freunden zuzusehen. "Sie war eine Nutte", erklärt Henry, "aber dafür mache ich ihr keinen Vorwurf. Nicht was sie gemacht hat, wie sie's gemacht hat." Wow. Henrys Wohnungsgenosse, Otis (Tom Towles) ist hinter seiner eigenen Schwester her, die wiederrum von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde. Schiiiet.

Die Gewalt wird von diesen abseitigen sexuellen Unterströmungen nur noch verschärft. Vor allem im schrecklichsten und blutigsten Angriff des ganzen Films - dem Mord an seinem Kumpel Otis. Henry kehrt nach Hause zurück und findet ihn in einer Stimmung vor wie in Brunft, auf allen vieren und gerade dabei, seine kleine Schwester zu besteigen. Den folgenden Blutrausch durch Erstechen kann man nur mit der zerdehnten und quälenden Messerattacke vor dem Doppelmord in Argentos SUSPIRIA vergleichen. HENRY lässt einen die Klinge zwischen den eigenen Rippen spüren. Durch den untersichtigen Kamerawinkel wird man praktisch zur Anteilnahme in der Szene gezwungen.

Trotz der Tatsache, dass Henry ein ausgewiesener Psychopath ist, filmt McNaughton aus sicherer moralischer Distanz und enthält sich eines Urteils, auch nachdem er seinen besten Freund umgebracht und auseinandergenommen hat. McNaughton bietet keine Entschuldigungen an und nur wenig an Erklärung. Am Ende des Films, nach all dem body count, wird man diesen Kerl Henry, nun ja, respektieren. Hier liegt vielleicht die größte Gefahr des Films. McNaughton hat ein rätselhaftes und zutiefst verstörendes Porträt eines teuflischen unberechenbaren Mörders gemacht, der ganz eindeutig für jeden eine Bedrohnung darstellt. Aber er verweigert sich, ihn anzuklagen.

HENRY bleibt ein Triumph... gewissermaßen. Dabei wurde er auf 16 mm, innerhalb eines Monats und für weniger als 125.000 Dollar gedreht. Die technischen und Produktionsqualitäten sind ohne jeden Tadel, und die Schauspielerleistungen hat man in einem Film dieser Art noch nie gesehen. Michael Rooker, danach u.a. in EIGHT MEN OUT und MISSISSIPPI BURNING zu sehen, hat das unvergesslichste und vielschichtigste moderne Porträt eines Filmpsychopathen erschaffen seit Robert Blossoms Darstellung eines von Ed Gein inspirierten Monsters in dem unterschätzten DERANGED (1974).

HENRY, der Film, ist ein echter Killer. Ein Frontalangriff, der sein Publikum provoziert und nicht beschwichtigt. Wahrhaftig, das gefährlichste Filmgenre, das es gibt.

Aus dem Ameriikanischen von Arno Baumgärtel

in: "I Spit In Your Face: Films That Bite" - The Deep Red Horror Handbook,
FantaCo Books, New York 1989

Erschienen in:

 

Arno Baumgärtel
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