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TEXTE ZUM FILM

 

SCHATTIERUNGEN VON SCHWARZ & WEISS

von Moor Larkin

Im Jahr 1969 hatte Jeannie Sakol, eine amerikanische Autorin, so etwas wie ein journalistisches "Love-in" mit dem britischen Schauspieler Patrick McGoohan. Ungefähr ein Jahr zuvor hatte seine zwanzig Jahre währende Schauspielkarriere in Großbritannien mit seinem TV-Meisterwerk THE PRISONER (in Westdeutschland als NUMMER 6 bekannt) ihren Höhepunkt erreicht. Obwohl schon fast zwei Jahre seit Fertigstellung der Serie vergangen waren, sollte es August 1969 werden, bis sie zum ersten Mal in der BRD ausgestrahlt wurde.

 

Patrick McGoohan war hier bereits als "John Drake", Fernseh-Geheimagent, wohlbekannt. Man sah ihn hier zum ersten Mal im Jahr 1963, und John Drake wurde zu einer Art Ikone. Sollte irgendein deutscher Fan von McGoohan Jeannie Sakols Artikel für "Cosmopolitan" gelesen haben, er hätte wohl gut verstanden, was sie meinte, als sie schrieb: "Nicht nur die Frauen fielen reihenweise [für John Drake] um, sondern auch Männer, Bewertungen, Kritiker und Gelehrte. Kevin Sullivan, Joyce-Experte und Dekan an der Columbia University, sagte mir einmal: 'Diese Rolle von McGoohan ist ein neuer Philip Marlowe. Marlowe ist ein Mann mit einem starken Gespür für Werte. Er nimmt sich selbst nicht ernst, aber er weiß, daß es besser ist, nicht auf der Seite von allzu großer Freizügigkeit und Gewalt zu stehen (genau wie John Drake) -, man sollte auf der Seite des Guten stehen. Bogart als Marlowe hatte dieselbe Ausstrahlung wie McGoohan auf dem Bildschirm ... Eine innere Kühlheit, die von ihrer Intelligenz herrührt."

THIS TEXT IN ENGLISH
THE PRISONER (ENGLISH)
NUMMER 6 (DEUTSCH)
MEHR: GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE

Philip Marlowe ist Filmfans wahrscheinlich als eine der ikonengleichen Figuren bekannt, die das Genre und den Stil bevölkern, welche als Film Noir bekannt sind. Zuvörderst war er jedoch eine literarische Figur. Raymond Chandler, der Autor, der Marlowe schuf, war auch einer der Drehbuchautoren, die die ikonische Dialogform und die dunklen Plots auf den neu entstehenden Zweig der Filmkunst in den vierziger und fünfziger Jahren übertrugen.

Der Autor dieses Essays möchte hier an frühstmöglicher Stelle erklären, daß er kein Kinofachmann ist. Ich gehöre zuallererst zu den Filmfans, die glauben zu wissen, was sie mögen, aber manchmal nicht genau wissen, warum sie es mögen oder tiefergehenden Einblick in dieses Gefühl haben. Die leichte Verfügbarkeit von Informationen im Internet ermöglichte es mir jedoch, einige Ideen zusammenzutragen, indem ich auf das gesammelte Wissen anderer zurückgriff. Ich hoffe, dieser Essay versteht es immerhin, zu unterhalten und als kleine Zusammenfassung dieser Gedankengänge zu dienen. Meine Quellenangaben sind am Schluß des Essays aufgelistet, und jeder Leser, der diesen nachgeht, wird zweifellos merken, wo mein Eigenes aufhört und das Plagiat beginnt.

Jeder noch so knappe Vergleich zwischen der Natur des Film Noir-Detektivfilms und den 39 Episoden der Serie DANGER MAN von 1960 muß die Verbindung zwischen ihnen sichtbar machen.

Tatsächlich beweist einer der ersten britischen TV-Programmeinträge für die Serie aus dem Jahr 1961, daß die Ähnlichkeit dem Zuschauer im Land ihrer Entstehung nicht entging: Wer die Serie noch nicht gesehen hat, sollte versuchen, wenigstens einiger Folgen habhaft zu werden. Sie dauern jeweils nur eine halbe Stunde und passen daher leicht in den modernen, vielbeschäftigten Lebensstil. Tatsächlich sind sie kaum so lang wie manche heutigen Werbepausen! Ihre Beliebtheit in der BRD hat einen speziellen Beigeschmack, da John Drake in diesem Land eine einzigartige Groschenroman-Welle nach sich zog - mehr davon jedoch später.
Indes die Folgen in Gro ßbritannien im Jahr 1960 hergestellt wurden, begann die Ausstrahlung in Deutschland nicht vor 1963. Teilweise war das zweifellos der Zeit zuzuschreiben, die für die Synchronisation ins Deutsche benötigt wurde. Obschon nur eine halbe Stunde lang, enthielten die Episoden viel Dialog und das klassische Stilmittel des "Ich-Erzählers", um die Geschichten zu beschleunigen. Jede Episode war in sich abgeschlossen, es gab keine Cliffhanger, die sukzessives wöchentliches Zuschauen erforderlich gemacht hätten. Um John Drake selbst in einer der Episoden zu zitieren:
Er mußte Fälle von internationalem Belang lösen, und er hatte nur eine halbe Stunde Zeit dazu.

Heinz Drache wurde die deutsche Stimme des Charakters und synchronisierte Patrick McGoohan. Während die Serie in Großbritannien "Danger Man" hieß, erhielt sie in Deutschland einen persönlicheren Titel und wurde zu

GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE

Aus dem ersten Blick auf die Synopsis irgendeiner Episode könnte man einfach den Schluß ziehen, daß es in DANGER MAN um Geheimagenten und Spione ging. In der Theorie war es tatsächlich so. Die Serie verfügte jedoch über Aspekte, die im Rückblick den Umständen ihrer Entstehungszeit zu verdanken waren. Diese Umstände hingen mit den Staaten des Nachkriegseuropa und dem "Kalten Krieg" zwischen Ost und West zusammen. Es scheint nur natürlich, daß Deutschland, das Land, das durch diesen Kalten Krieg geteilt worden war, Faszination an einer Serie finden sollte, in der es um Vorgänge im Schatten der Gräue ging, die diesen eigentümlichen Balanceakt zwischen den Supermächten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts umgab. Das ist selbstverständlich ein Blickwinkel, der durch Intellektualisierung der Vergangenheit gefärbt sein mag. Vielleicht wollten die Zuschauer auch einfach nur einen Helden sehen.

Es gibt zweifellos viele verschiedene Lehrbuchstudien zum Genre "Noir", sowohl über seine literarische (erste) als auch die kinematische (zweite) Erscheinungsform. Diese Studien analysieren, was das Genre darstellt und woher es stammt. Der Begriff, soviel ist aus seinen etymologischen Wurzeln ersichtlich, ist französisch. Es scheint Einigkeit darüber zu herrschen, daß er um das Jahr 1946 herum als Imprimatur für amerikanische "hard-boiled"-Bücher geprägt wurde, deren Rückendeckel aus Stilisierungszwecken schwarz waren. Als Filme dieses Stils aufkamen, entstand der "Film Noir". So begann ein französischer Ausdruck für einen amerikanischen Stil zu stehen. Die internationalistische Natur dieses Phänomens wird durch die Tatsache betont, daß allgemein Übereinstimmung darüber besteht, daß sich der visuelle Stil des Film Noir auf dem Vorkriegs-Stil der Berlin Universum Film Aktiengesellschaft gründete - welcher nunmehr Expressionistischer Film genannt wird. Fritz Lang, einer der Studenten der Ufa, die nach Hollywood emigrierten, beschrieb ihn folgendermaßen: "Man zeigt den Protagonisten so, daß das Publikum sich in seine Haut hineinversetzen kann, indem man die Dinge möglichst aus seiner Sicht vorführt und dem Publikum so visuellen und psychologischen Zugriff zu seiner Erfahrung gibt."

DOUBLE INDEMNITY (FRAU OHNE GEWISSEN) verschaffte im Jahr 1944 dem Film Noir den Durchbruch zum Mainstream. Der Film wurde für sieben Oscars nominiert. Es war ein Film über "verdammte" Mörder, doch ihre mißgeleitete Liebe und ihr dunkles Mißtrauen machten ihn zu einem riesigen Kinohit. Raymond Chandler schrieb das Skript, aber es war eigentlich ein von einer Story James M. Cains abgeleitetes Drehbuch (Cain war vielleicht der finsterste dieser Autorengeneration). Es war ein Zusammentritt zweier verschiedener Blickwinkel auf die Welt der Gräue, die entsteht, wenn man Schwarz und Weiß mischt. Soweit die Kurzfassung der Geschichte eines Filmgenres. Was hat das mit GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE zu tun?

Film Noir wird eng mit den Schatten und der dramatisch düsteren Beleuchtung assoziiert, die die Stärke einer schwarzweißen Welt sind, welche nur im zweidimensionalen Kosmos der Leinwand existieren kann, möge diese aus Stoff, Glas oder - wie vielleicht heute - aus Flüssigkristall und Plasma bestehen. Methoden, diese farblose Welt aufregender zu gestalten, führten unvermeidlich zum Gebrauch überraschender Kamerawinkel, Zoom- und Closeup-Techniken. Alle diese "außerkörperlichen" Techniken können ein Gefühl von Unwohlsein und Desorientierung erzeugen. Diese Gefühle kollidieren manchmal mit dem Gegensatz, daß die Story aus einem sehr persönlichen Blickwinkel erzählt wird. Das wird häufig noch durch den Einsatz der Erzählung in der ersten Person verstärkt, welche von der "hard-boiled"-Literatur herstammt und durch die der Leser üblicherweise von einem bestimmten Blickwinkel geleitet wird. Wer sich irgendeine Episode GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE anschaut, dem bleibt kein Zweifel daran, daß er sich tief in der Welt des "Noir" befindet.

Dabei geht es natürlich nicht nur im John Drake. Obwohl er in fast jeder Szene anwesend ist, ist er manchmal nur als beinahe hilfloser Zuschauer beteiligt. Die Charaktere, denen John Drake entweder helfen oder die er aufhalten will, sind - ebenso wie "Film Noir"-Figuren und ihre "hard-boiled"-Literatur-Kollegen - häufig Gefangene ihres Schicksals. Sie sind oder werden Opfer ihrer eigenen Unfähigkeit, ihre fehlerbehafteten Persönlichkeiten zu kontrollieren, und leiden oft unter ihren eigenen Entscheidungen. Diese scheinbaren Schurken sprechen gelegentlich das Gefühl des Zuschauers für seine eigene Unvollkommenheit an, die Angst, daß er vielleicht nicht besser als die Person auf der Leinwand ist, obwohl sein Leben sich auf einer viel weniger dramatischen Ebene abspielt. John Drake verstärkt immer wieder dieses Gefühl des Zuschauers, indem er bis zu einem bestimmten Grad Mitgefühl mit den Leuten zeigt, die er auftragshalber den fiktiven "Behörden" übergeben soll. Es ist nicht ungewöhnlich für diese Episoden, daß Drake seine scheinbaren Auftraggeber schamlos irreführt, wenngleich niemals zu seinem persönlichen Gewinn. Ein besonderes Beispiel ist typisch für das finanzielle Selbstopfer eines Philip Marlowe: Drake hat den Auftrag angenommen, eine Verräterin zurückzubringen. Er soll £ 5.000 für ihre Rückführung erhalten und weitere £ 5.000 für den Nachweis, daß sie mit einem britischen Paß gereist ist, da sie dann sowohl des Verrats als auch der Spionage angeklagt werden kann. Drake gelingt es, die Frau zurückzuholen, aber als sein Vorgesetzter ihn nach dem Paß fragt, sagt er, er habe keinen finden können. Sein Boss bemerkt verärgert, daß dieses Versagen Drake £ 5.000 gekostet hat. Als der Beamte den Raum verläßt, holt Drake den Paß aus der Tasche, wirft ihn ins Feuer und schaut zu, wie er verbrennt. Er hat akzeptiert, daß die Frau Verbrechen begangen hat und bestraft werden muß, aber er hat auch herausgefunden, daß sie nicht wirklich ein schlechter Mensch ist, sondern nur eine Kriminelle. Die femme fatale sieht natürlich, was er tut; und die Episode endet damit, daß sie den Agenten mit dem undurchdringlichen Gesicht anstarrt, während sie von der Polizei abgeführt wird, und vielleicht eine Vorahnung auf ihre eigene Zukunft erfährt.

Eine Hauptströmung der Tradition des "Noir", tatsächlich vielleicht seine Kerntradition, ist die Detektivgeschichte. Häufig war der Detektiv ein Privatdetektiv oder wenigstens irgendwie unabhängig von den organisierten Polizeibehörden. Der Detektiv war nicht nur außen vor, sondern sich auch oft dessen bewußt, daß seine potentiellen Verbündeten innerhalb der Polizei manchmal korrupt waren und gewiß zur Unmenschlichkeit neigten. Der Detektiv verfügte nur über begrenzte offenkundige Macht und verließ sich hauptsächlich auf seine Intelligenz und Geistesgegenwart. Er war ein Mann (oder eine Frau), die keinen Regeln, sondern Prinzipien folgten. John Drake als Spezialagent mußte oft zwangsläufigerweise außerhalb des Gesetzes operieren, aber, wie bereits gesagt, war er sogar bereit, die Regeln seiner Sponsoren zu brechen, wenn sie mit seinen Prinzipien kollidierten, die auf Humanität (wie er sie sah) basierten.

Ein weiteres klassisches Motiv des "Noir" ist natürlich die Femme Fatale (wiederum ein französischer Begriff!), wie im obigen Absatz angedeutet. Häufig operierten diese Frauen im Gegensatz zu den normalen Regeln der Gesellschaft und konnten stark, manipulativ und manchmal tödlich sein. Sie versuchten immerzu, den Willen des männlichen Protagonisten zu schwächen, indem sie ihn verleiteten, vom Pfad seiner Rechtschaffenheit abzuweichen und in die Wildnis seiner persönlichen Gelüste zu streunen. Die Motive dieser Frauen sind oft widersprüchlich und verwirrend. John Drake muß in fast jeder Episode mit mehr als einer solchen verwirrenden Frau fertigwerden. Oft findet er heraus, daß er sie mißversteht; manchmal stellt sich heraus, daß die Frauen selbst Opfer sind, und manchmal sind die Frauen, die er für Opfer gehalten hat, selbst die Urheber der Gefahr für ihn. Die konstante Ungewißheit der "romantischen" Beziehungen in der Serie DANGER MAN ist oft Bestandteil ihrer rätselhaftesten Anziehung.

Barbara Stanwyk und Hazel Court

Der "Film Noir" erreichte seinen kinematischen Höhepunkt um das Jahr 1950 herum. Während das Jahrzehnt voranschritt, blieb das Publikum immer öfter zu Hause vor dem Fernseher. Dieser Trend beschleunigte den Umstieg des Kinos zum Farbfilm mit all den neuen Möglichkeiten, die den Filmemachern zur Verfügung standen, sowie Cinemascope und all die anderen Kinoinitiativen, die die Verluste an den Kinokassen einzudämmen versuchten. "Noir" schaffte recht schnell den Sprung auf den kleineren, aber immer noch sicher schwarzweißen Fernsehschirm. Einige Wissenschaftler behaupten, das Genre fand sein Ende auf der Kinoleinwand im Jahr 1958 mit Orson Welles und Marlene Dietrich in TOUCH OF EVIL.

Eine politische Entwicklung leitete die Entwicklung des Fernsehens in Europa ein. In Amerika startete 1947 das "House committee on Un-American Activities" seine Kampagne gegen "Kommunisten" in den Vereinigten Staaten. Dies hatte Auswirkungen auf Autoren und Filmemacher und vielleicht sogar auf das "Noir"-Genre an sich, als es schließlich auf den Fernsehschirm übersiedelte. Es war ein Schock für viele linkslastige Künstler, ebenso wie - um fair zu bleiben - viele aus dem rechten Flügel, als sie feststellten, daß das vermeintliche Kommunisten-Übel der Schauprozesse irgendwie eine Nische in der vermeintlich freien Welt gefunden hatte. Sogar ein so überzeugter Antikommunist wie Ronald Reagan hielt ursprünglich Reden bei Kundgebungen, die die zunehmende Hexenjagd kritisierten. Die Väter des "Noir" hatten Europa in den dreißiger Jahren verlassen, um dem Naziterror zu entrinnen. Nunmehr begann eine kleinere Migration in umgekehrter Richtung, um der schwarzen Liste in Hollywood zu entgehen. Die politisch Unerwünschten von Hollywood fanden ein Schlupfloch in der Welt des Fernsehens. Nachdem sie dort erst einmal in Sicherheit waren, begannen sie ihren eigenen Guerillakrieg mit den Stilmitteln der Allegorie. Eines der deutlichsten Beispiele hierfür war der britische Fernsehhit der späten fünfziger Jahre, "Robin Hood". Die Serie wurde von einer Firma finanziert, die von einer Frau geleitet wurde - Hannah Weinstein. Ihre Firma "Sapphire Films" beschäftigte viele Autoren, die auf der schwarzen Liste standen, unter Pseudonym; und in vielen Episoden dieser langlebigen Serie erkennt man leicht die Hervorhebung der Tugenden der moralischen Wieder(um)verteilung von Wohlstand und des Machtmißbrauchs der Herrschenden. Im Zentrum von "Sapphire Films" saß Ralph Smart, der Schöpfer von Danger Man. Während die graue Nachkriegskargheit der fünfziger Jahre Europas in die zunehmend farbenfrohe Fülle des Kontinents in den sechzigern überging, erreichten Danger Man und John Drake den äußersten Gipfel beider Dekaden. Ob es nun daran lag, daß Deutschland seinen eigenen expressionistischen Beitrag zum Genre spürte, oder ob es nur den Look des Stils mochte - es verschlang die vielen schwarzweißen Detektivserien, die das Fernsehen zu bevölkern begannen. Speziell das Edgar Wallace-Genre war immer sehr populär in diesem Land gewesen, und die Hauptfigur, die ursprünglich von einem britischen Autor erschaffen worden war, wurde ab 1959 von deutschen Studios in Fernsehfilme eingebaut. In vielen davon trat kein anderer auf als Heinz Drache, der Schauspieler, der John Drake in Deutsch synchronisieren sollte. Das war sicher kein reiner Zufall. Das Genre, das in Deutschland als Krimi bekannt war, sollte auf lange Sicht auch die Heimat von John Drake für deutsche Leser werden.Die halbstündigen Episoden von GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE aus dem Jahr 1960 zu sehen, bedeutet, in "Noirzismus" zu schwelgen. Doch handelt es sich dabei nicht um das Noir ungewisser moralischer Aussagen. Es beinhaltet das Noir der fortgesetzten moralischen Verwirrung von Männern und Frauen und ihre Gefangenheit nicht nur in ihren eigenen Handlungen, sondern auch im schraubstockharten Griff von Schicksal und Vorbestimmung. Wie bei der besten Literatur des Genres sind die Geschichten simpel und nicht zimperlich oder überladen. Sie implizieren oft, daß Richtig und Falsch ebenso subjektiv wie objektiv sein können. Durch die Geschichten zieht sich jedoch ein Lichtstrahl im Schattendunkel, der alle Schatten zerstreuen wird, welche sich in die Handlung drängen könnten. Es ist John Drake; und vielleicht sollten wir zu Raymond Chandler zurückkehren und seine eigene Beschreibung der Natur Phil Marlowes lesen, des Charakters, den er erschafften hatte, um seine "schäbigen Straßen" zu bevölkern: "Marlowe ist die Personifizierung einer Haltung, die Übertreibung einer Möglichkeit, und wenig anderes. Das Besondere an ihm ist, daß er unverändert und vollständig bleibt, was immer auch geschieht; daß er außerhalb der Geschichte und über ihr steht, und immer stehen wird. Das ist der Grund, warum er nie das Mädchen bekommt, nie heiratet, niemals wirklich ein Privatleben hat. Seine moralische und intellektuelle Kraft besteht darin, daß er nichts außer seines Honorars bekommt, für das er (wenn er kann) die Unschuldigen beschützen, die Hilflosen führen und die Bösen zerstören wird; und die Tatsache, daß er all das tun muß, während er in einer korrupten Welt lebt, ist, was ihn so hervorhebt." Dem Verfasser dieses Artikels scheint das eine so perfekte Darstellung des Wer und Was von John Drake zu sein wie jeder der Beschreibungsversuche, die von seinen tatsächlichen Schöpfern Ralph Smart und Patrick McGoohan unternommen wurden.

Ralph Smart war ein recht unwahrscheinlicher Vertreter des Noir. Er war ein Drehbuchautor und Filmregisseur, der nach 1952 zum Fernsehpionier wurde. Er verbrachte mehrere Jahre mit der Zusammenarbeit mit Hannah Weinstein bei der Erschaffung allegorischer Kostümdramen mit solchen historischen Figuren wie Robin Hood oder Sir Lancelot. Im Jahr 1958 stieg er aus und entwickelte seine eigene Version der Idee des "Unsichtbaren" von H. G. Wells. Ralph versetzte seine Serie jedoch in die Gegenwart und tatsächlich wies sie alle möglichen Ähnlichkeiten mit den "Noir"-Detektivgeschichten auf. Der Unsichtbare wurde zum halb-autonomen Agenten gegen Korruption und Bedrohungen des "Weltfriedens". Diese einigermaßen fantastische (und, um ehrlich zu sein, leicht kindische) Heraufbeschwörung des "Noir"-Detektivgenres beinhaltet schon viele der Plotkunstgriffe, die später in seine DANGER MAN-Produktion aus dem Jahr 1960 eingehen sollten.
Patrick McGoohan wiederum war Theaterschauspieler. Interessanterweise hatte er eine frühe Rolle als Privatdetektiv, als er 1954 einen dreißigminütigen Fernsehfilm in England für die amerikanischen Emigranten, die Brüder Danziger, machte. Dieses Produktionsteam produzierte am laufenden Band "noirische" Filme von verschiedener Laufzeit, passend fürs Fernsehen, oder Kino-B-Filme. Patrick McGoohan wirkte in einer Episode mit, die "Gift From Heaven" hieß. Dieser ganz spezielle Privatdetektiv arbeitete auf der dunklen Seite seines Gewerbes! Er versuchte nicht nur, seinen vermutlich besten Freund um das Vermögen eines kleinen Diamantenschatzes zu betrügen, sondern unterhielt gleichzeitig auch noch eine leidenschaftliche Affäre mit dessen Frau!

In GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE ging es natürlich nicht um einen Polizei- oder Privatdetektiv, sondern über einen Geheim- oder "Spezial"agenten. Dies führt zu einem weiteren interessanten Aspekt der Erklärung des leichten Siegeszugs von John Drake in die westdeutsche Phantasie. John Drake war eindeutig Internationalist. Er vertrat keine der nationalen Regierungen. Der Anfang jeder Folge zeigte, wie er aus einem Bürogebäude eilt, das vermutlich in Washington DC steht. Aber er arbeitete für die North Atlantic Treaty Organisation, die NATO. So ähnlich, wie das UN-Gebäude in New York steht, aber internationales Territorium darstellt, ist die Idee, daß Drake von seinem Büro in der Nähe des amerikanischen Kapitols aus eben nicht für nationale Interessen arbeitete. Sein nimmerendender Kampf fand zwischen den Supermächten von Ost und West statt. Freiheit und Despotismus. Die NATO war sowohl eine Schutzorganisation gegen die Staaten des Warschauer Pakts als auch ein neues Symbol für internationale Zusammenarbeit. Der Beitritt der BRD in die Organisation im Jahre 1955 wurde beschrieben als "eindeutiger Wendepunkt in der Geschichte des Kontinents Europa".

"Jeder Staat, jede Regierung unterhält einen Geheimdienst. Amerika beispielsweise den CIA, Frankreich das Deuxième Bureau, England das MI5. Und wenn es sich um eine besonders kitzlige Sache handelt, dann ruft man gewöhnlich mich oder einen meiner Kollegen. Oh ja, entschuldigen Sie, mein Name ist Drake - John Drake."

Die letzten Worte des Prologs der halbstündigen Episoden erlangten einige Jahre später Berühmtheit aus dem Mund von Sean Connery sowie seiner Nachfolger als JAMES BOND.

Deutschland wurde im Jahr 1963 durch das Ost-West-Supermächteparadigma geteilt, und das Deutschland, das John Drake für sich entdeckte, war natürlich die westliche Bundesrepublik. Im selben Jahr, als die ersten "Danger Man"-Sendungen zu sehen waren (1961), wurde die Teilung Berlins konkret. John Drake war Repräsentant einer Abteilung der NATO, die sich mit den "dreckigen Jobs" abgab, mit denen sich das britische MI5, die amerikanische CIA und das französische Deuxieme Bureau nicht beschäftigen wollte (oder konnte). Vielleicht gab all das dem deutschen Zuschauer das Gefühl, als ob die BRD nun Teil der Lösung für Europa und die Welt wurde, statt Teil des Problems zu sein, nach all den Leiden der Naziherrschaft und den Nachwirkungen des Wiederaufbaus und der Teilung.

Sowohl Ralph Smart als auch Patrick McGoohan waren auf sehr eigene Art international. Ralph Smart war in England geboren und aufgewachsen, aber seine Vorfahren stammten aus Australien. Im 2. Weltkrieg war er der RAAF Information Unit beigetreten und im Alter von ca. 30 Jahren zum ersten Mal im Leben nach Australien gereist. Später sollte er sich bis zu seinem Tod im Jahr 2001 mit über 90 dorthin zurückziehen.
Patrick McGoohan war in New York City geboren, aber noch ein Säugling, als seine Eltern ihn 1928 auf die Familienfarm nach Irland brachten. Er wuchs auf dem Bauernhof auf, und im Jahr 1937 nahmen sie ihn mit in die englische Industriestadt Sheffield. Er ging in England auf eine Privatschule, was ihm nur die Umstände des 2. Weltkriegs und die Evakuierung vieler Kinder aus englischen Städten ermöglichten. Obschon keiner der beiden jemals öffentliche "politische" Äußerungen von sich gab, erscheint die Annahme rationell, daß sie sich ebenso sehr als "Männer von Welt" fühlten, wie sie Patriotismus für die jeweilige Nation empfanden. Diese Einstellung und eine sehr eigene Respektlosigkeit für die offenbare "westliche" Politik der Ära scheinen die Serie GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE in der Tat zu durchziehen. Die Hauptfigur John Drake soll Amerikaner sein, manchmal wird er jedoch als Ire dargestellt. Öfters arbeitet er im Auftrag der Briten, wie ein Söldner mit guten Absichten. Wenn er Amerikaner ist, dann scheint er keine spezielle Loyalität für die amerikanische Flagge zu empfinden. "Amerikanisch" scheint nur ein Symbol für Amerikas amorphe Wiederspiegelung jeder anderen Nation der Welt zu sein.

Ob irgendetwas hiervon die Popularität und den Erfolg der Serie in Deutschland beeinflußt haben mag, muß zu diesem späten Zeitpunkt in der Geschichte reine Hypothese bleiben. Doch mag erwähnenswert sein, daß Drake, als er Mitte der Sechziger in einer einstündigen Serie zurückkehrte, direkt den British Security Services angehörte und daß diese Serie in Deutschland niemals in größerem Rahmen vertrieben wurde. Diese (längere) Serie war in Großbritannien, Amerika und anderen Staaten weltweit sehr populär. Tatsächlich waren es diese vierzig einstündigen Episoden, die Patrick McGoohan zum internationalen Superstar machten. Obwohl John Drake jetzt kein "internationaler Agent" mehr war, reiste er immer noch um die Welt. Die Deckidentität seiner Dienststelle war ein Reiseunternehmen namens "World Travel", doch er arbeitete zunehmend im Auftrag des Vereinten Königreichs und weniger im Namen der ganzen Welt.

Nur acht dieser vierzig einstündigen Folgen wurden jemals in der BRD ausgestrahlt. Vielleicht blieb neben der Überzahl von "Agentenserien", die es im Jahr 1966 gab (z. B. SIMON TEMPLAR mit Roger Moore, eine beliebte englische Serie) kein Raum für noch eine weitere. Dennoch scheint es einen Grund für die Annahme zu geben, daß es vielleicht noch an etwas anderem lag. Diesen Grund findet man in der halbvergessenen, aber umfangreichen Kultur der "Krimi-Literatur". Die deutsche Groschenheftwelt des Kriminalromans wurde beispielsweise durch den Markenverlag vertrieben; und es war ebendiese Firma, die beinahe 500 Ausgaben eines Groschenheftchens verlegte, das den Titel "John Drake" zur Schau trug. Diese Hefte wurden von 1963 bis in die frühen siebziger Jahre hinein verlegt. Dies nur ein einziges Beispiel für eine riesige Auswahl ähnlicher "Schundliteratur". Dennoch macht ihre lange Existenz und konstante Erscheinungsweise von 1963 an die Tatsache um einiges erstaunlicher, daß John Drakes Abenteuer in der späteren Serie nicht im Fernsehen ausgestrahlt wurden. Man könnte annehmen, daß John Drake in der Vorstellung der BRD immer noch quicklebendig war, und daß Patrick McGoohans Gesicht viele Buchregale auf Straßen, in Bahnhöfen und Buchhandlungen zierte. Daher könnte man annehmen, daß die Leserschaft seiner Heftabenteuer ein williges Publikum für eine mögliche Rückkehr ins Fernsehen gewesen wäre, aber das geschah nie. Die acht Episoden, die gezeigt wurden, kamen nicht vor Ende 1968 heraus. Vielleicht lag das an der unumgänglichen Verzögerung, die durch die Synchronisation der Serie ins Deutsche entstand.

Im Jahr 1968 hatte Westeuropa jedoch einen Quantensprung vorwärts absolviert. Unruhen in Paris und der Prager Frühling hatten den Wandel von der schwarzweißen Klarheit des "Noir" zur zügellosen Wirrheit von Psychedelia und freier Liebe eingeleitet. Patrick McGoohan schuf im Jahr 1967 THE PRISONER , und die Serie lief in Deutschland im Frühling 1969. Vielleicht gab es keinen anderen Platz mehr für John Drake als die Seiten eines Groschenheftchens.

THE PRISONER (ENGLISH)
NUMMER 6 (DEUTSCH)
MEHR: GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE

Es ist eine seltsame Rückkopplung, daß der deutsche Markt, auf John Drakes Film Noir-Widerhall aufbauend, eine ganze Flut von "hard-boiled"-Groschenliteratur erschuf, die sich als viel langlebiger erwies als die Fernsehserie selbst. In diesen Magazinen wurde "Drake" zum Vollblut-Amerikaner, inklusive riesigem Cadillac und aggressiv-übellaunigem Benehmen. Er arbeitete für die CIA, und das ohne jegliche Entschuldigung bei irgendjemandem! In Wahrheit hat der John Drake, der die moderigen Seiten dieser Heftchen bewohnt, viel mehr von einem "James Bond" als der "John Drake", den Patrick McGoohan und Ralph Smart geschaffen hatten. Aber vielleicht entdeckte John Drake wie alle diese Schöpfungen sein Eigenleben und fand heraus, daß er nicht mehr Gefangener seiner Schöpfer sein mußte als irgendeiner von uns!

Was ich nur noch als Fazit hinzufügen möchte, ist, daß jeder noch so kurze Einblick in eine der 1960er Folgen von Geheimauftrag für John Drake sich für jeden Zuschauer lohnen wird, der willens ist, sich in jene Zeit kurz vor dem Entstehen der Berliner Mauer zurückzuversetzen, die gebaut wurde, um Leute von der Entdeckung ihrer eigenen Freiheit abzuhalten - und wo es dennoch Raum für ein wenig Licht in all der Dunkelheit des Zynismus zu geben schien. Es war ein Licht, das Hoffnung für die Zukunft versprach. Es brauchte seine Zeit, aber seitdem leuchtet es; und selbst heute noch kann man in seinen Strahlen baden - dank der Tatsache, daß die Serien auf Video und DVD erhältlich sind.

Web-Referenzen:
romanhefte-archiv.com
deutscher-tonfilm.de (Domain erloschen)
greencine.com/static/primers/noir.jsp (nicht online)
crimeculture.com/Contents/Film%20Noir.html
patrickmcgoohan.org.uk
mcgoohan.co.uk
mcgoohan-theatrical

© Moor Larkin, All Rights Reserved. No part of this publication may be reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopy, recording or any information storage or retrieval system now known or to be invented without permission in writing from the author. Übersetzung: M. Angerhuber

 

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