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TEXTE ZUR ZEIT

 

BAUDRILLARD UND TRUMP:
Agonie des Realen

Von Alan N. Shapiro

Sollen wir uns mit Orwells Medientheorie bescheiden oder der von Baudrillard? Oder brauchen wir eine neue Medientheorie? Trump behauptet Dinge, die nicht wahr sind, die er jedoch für wahr erklärt. Er sagt, die Menschenmenge am Tag seiner Amtseinführung am 20. Januar 2017 war gigantisch. Millionen Leute haben illegalerweise bei den Präsidentschaftswahlen abgestimmt, ganz besonders in Kalifornien und in New Hampshire, verkündet er.

 

Trump behauptet, Präsident Obama sei in Kenia geboren, nicht auf Hawaii. Trump sagt, Obama habe eine Viertelmillion syrische Flüchtlinge illegal nach Amerika lassen wollen, und Tausende Moslems hätten am Abend des Anschlags vom 11. September 2001 Freudentänze aufgeführt. Traump glaubt, was er glauben will. Was er von sich gibt, hat Gewicht, weil er es sagt. Das Argument von Pressesprecher Spicer aus dem Weißen Haus, der Wahrheit, wie Trump sie sieht, zu folgen, beruht darauf, dass zehn Millionen Menschen ihm glauben. Er glaubt an sie und sie glauben an ihn. Ein populistisch-demokratischer Gott.

Auf der anderen Seite der Gleichung ist Trump schwer darum bemüht, die liberalen Nachrichtenmedien (etwa CNN, die New York Times und die Washington Post) zu delegitimieren und ihre Autorität zu untergraben, sie in den Herzen und Gemütern seiner Anhänger als Propagandisten von "Fake news" dastehen zu lassen. Diese Strategie ist dieselbe, die in Deutschland von der äußersten Rechten praktiziert wird, für die die liberalen Medien nur die "Lügenpresse" sind. Der Kongressabgeordnete Lamar Smith aus Texas, Vorsitzender des Kommitees für Wissenschaft, Weltraum und Technologie im Repräsentatenenhaus und ein glühender Trump- Unterstützer, gab seinen Mitbürgern kürzlich den Rat: "Holen Sie sich Ihre Nachrichten am besten direkt vom Präsidenten, das ist wahrscheinlich der einzige Weg, an die  ungeschminkte Wahrheit zu gelangen."Für Behauptungen unabhängig nach Bestätigungen zu suchen, daran besteht kein Bedarf mehr. Bezeichnetes und Zeichen sind nur Worte. Niemand muss sich mehr mit der Überprüfung der Beziehung zwischen dem Wort und seiner Bedeutung herumschlagen.

Nun sind wir bei Orwells 1984. Zwei plus zwei ergibt fünf. Warum? Einfach weil der große Führer, der Diktator, die totalitäre Regierung sagt, dass dem so ist. Wenn sämtliche Informationen und alles Wissen von einer Macht kontrolliert werden in dem Bestrebung gleichzuschalten und somit jegliche Realität negiert wird, wird die Übertragung und Verbreitung von Ideen zu einem sozialen Akt par excellence, der des Individuums, sich mit anderen durch wechselseitige Beachtung der Freiheit zu verbinden. Winston Smiths (Protagonist in 1984) Gegner ist die synthetische Fabrikation von Büchern und Literatur aller Art durch das obskure Ministerium der Wahrheit. Winstons intellektuelle Besessenheit richtet sich auf die Auslöschung und Neuschreibung von Geschichte durch die Partei. Aber die Partei kann nicht alles bestimmen. Allein die Erinnerung an ein Anderes durch einen einzigen Menschen, etwas das in der offiziellen Version der Fakten nicht vorkommt, verweist bereits auf die Wiederentdeckung von Kohärenz und die Entstehung einer politischen Kampfansage.

Das Ministerum der Wahrheit streut informationen aus, Anweisungen und Unterhaltung, es reicht in alle Bereiche des sozialen und alltäglichen Lebens… die Oberaufsicht über Arbeitsnormen, abendliche Erbauung, die Organisation von Aktivitäten durch bürokratische Verwaltung… Neusprech: fabrizierte Antisprache, ein detailliertes Konzept, das durch schlichtes Eliminieren von Wörtern erreicht wird. Die Redefreiheit unterliegt keinen formalen und juristischen Beschränkungen, aber im kulturellen und sprachlichen Bereich gibt es sie wohl… "Ketzerische Gedanken werden wortwörtlich undenkbar, insoweit Gedanken auf Worten basieren." (1984) Das Reden reduziert sich auf bloße Lautäußerung, was im Neusprech als "Quaksprech" bezeichnet wird; nichts, was der Verstand hervorbringt, sondern der Kehlkopf: "ein unbewusst ausgestoßener Laut, wie das Quaken von Fröschen."

Aus der Sicht Baudrillards könnte man sagen, dass gerade die Medien selbst (und das bedeutet nicht nur Nachrichtenmedien, sondern Medien im weitesten Sinne) – indem sie eine Kultur der Simulation und der Simulakra vorangetrieben haben, wo Worte und Bilder nur noch für sich selbst stehen und keine Referenz mehr haben – für Trump verantwortlich sind. Die Medienkultur allgemein hat Trump den Weg bereitet. Ganz Amerika ist für die katastrophale Lage, in der wir jetzt sind, verantwortlich.

Orwells Fiktion ist eine Beschreibung des Systems, das Trump gerne implementieren würde. Und Baudrillards Theorie gibt uns eine Erklärung dafür, wie wir so weit kommen konnten. Aber gibt es denn keine brauchbaren Ideen jenseits dieser zwei medientheopretischen Paradigmen? Ist eine neue Medientheorie möglich, und was würde sie uns sagen? In Baudrillards Konzept der "4. Ordnung der Simulakra" erhalten wir einen Einblick in diese neue Theorie.

Was meint Donald Trump, wenn er "von den Worten spricht", fragt Zachary Wolf, politischer Redakteur bei CNN. Was hat die Medienkultur als solche zum Status des Wortes beigetragen?

Kommunikation im Zeitalter der Medienvirtualität hat die Eigenschaft viraler Metastasen. In dem Essay "Nach der Orgie", in seinem Buch Die Transparenz des Bösen, schreibt Baudrillard über "Simulationsepidemie", fraktale und virale Verbreitung wie in einem Netzwerk. Baudrillard bringt seine berühmten Thesen von den "drei Ordnungen der Simulakra" (in "Der symbolische Tausch und der Tod") und der "Präzession der Simulakra" (in Simulakra undSimulation - Agonie des Realen auf Deutsch) auf den neuesten Stand und versucht, "ein neues Element in die Mikrophysik der Simulakra" einzuführen:

"Dem ersten entsprach ein natürlicher Bezugspunkt, und der Wert entwickelte sich unter Bezugnahme auf einen natürlichen Gebrauch der Welt. Dem zweiten entsprach ein allgemeines Äquivalent, und der Wert entwickelte sich unter Bezugsnahme auf eine Logik der Ware. Dem dritten entsprach ein Code und der Wert entfaltete sich hier unter Bezugnahme auf ein Ensemble von Modellen. Im vierten Stadium, dem fraktalen oder vielmehr viralen oder noch besser bestrahlten Stadium des Werts gibt es überhaupt keinen Bezugspunkt mehr, der Wert strahlt in alle Richtungen… (Baudrillard, Transparenz des Bösen)

Es handelt sich hier um den fraktalen oder viralen Zustand von Simulakra der vierten Ordnung. Nach Baudrillard Post-Simulations-Erkenntnistheorie oder der "Simulationsepidemie" strahlt der Wert – wenn dieser Begriff noch angebracht ist – wie krebsartige Metastasen in alle Richtungen aus. "Zwischen Ursache und Wirkung besteht kein Zusammenhang, lediglich ein viraler zwischen einzelnen Wirkungen." Jegliche sozialen Bereiche gehen durch ihren frei-flottierenden, exzessiven und ekstatischen Zustand.

Die Überkreuzkontamination sozialer Bereiche, für die Trump steht, resultiert aus dem Verschwinden der Grenze zwischen den Diskursen der Nachrichtenmedien (oder: "Politk") und der Operation der ersten drei Ordungen der Simulakra in der Medienkultur im Allgemeinen. Diese Phase hat man teilweise bereits bei anderen Präsidenten und Premierministern erlebt, etwas Reagan und Berlusconi. Trump steht hier für einen Quantensprung.

So wichtig ein radikaler Denker der Linken wie Noam Chomsky in den vergangenen Jahrzehnten war mit seinen Studien über die "Herstellung von Konsens" in den Medien, so wenig sucht er jetzt  nach Erklärungen über die Verbindung zwischen Nachrichtenmedien und Medien im Allgemeinen (in dem Sinne, wie Medientheoretiker wie Baudrillard, Virilio, Flusser, Kittler und McLuhan sich damit beschäftigt haben). Ich glaube nicht, dass das klassische westliche Narrativ des Marxismus und der Psychoanalyse uns hier weiterhelfen wird, wie der Gelehrte Slavoj Zizek es gern hätte. Wir müssen unseren gedanklichen Horizont auf kreative Weise erweitern. Wir müssen der nächsten Generation von Mediengelehrten helfen, damit sie hervortreten und sich entfalten können, und zwar frei von verallgemeinernden Ablehnungen des Kapitalismus wie auch großen psychoanalytischen Theorien wie die, "was die Menschen in Wahrheit antreibt."

Wenn wir einmal für einen Moment die Perspektive der deutschen idealistischen Philosophietradition, die ja vollkommen ins 18. Jahrhundert zurückreicht, übernehmen – etwa Kants "Kritik der reinen Vernunft", seine Ontologiekritik und transzendentale Analyse der Psychologie, der Kosmologie und der Theologie -, dann könnten wir die Position einnehmen, der gemäß die sogenannte "Realität" schon immer eine metaphysische Ahnung war, eine naive Annahme. So gesehen ist Jean Baudrillards Konzept der Hyperrealität – insofern es in gewisser Weise von der Idee der Realität abstammt – vielleicht auch naiv. Ich glaube allerdings, dass Baudrillard in seinen späteren Schriften alle metaphysischen Spuren hinter sich gelassen hat, indem er die radikale Autonomie der Objekte betont, "unmöglicher Austausch", Quantenphysiksoziologie, Fotografie als das Schreiben mit Licht und der selbstparodistische oder karnevaleske Simulationsmodus. In der Wissenschaft kann es nicht wirklich um die Entdeckung der "wahren Natur der Wirklichkeit" gehen, manche Gelehrten beschreiben ihre Mission gerne so. Die "Entdeckung der wahren Natur der Wirklichkeit" wäre eine Tautologie, da es gerade die Wissenschaft in ihrer gegenwärtigen, weitgehend vorherrschenden modernistischen Ausprägung ist, die das Konzept der "Realität" hervorbringt. Die Wissenschaft würde ihrer eigenen Projektion nachlaufen. Wissenschaft, die auf einem tautologischen sich selbst wiedersprechenden ersten Prinzip beruht, dürfen wir nicht dulden. Hypermoderne Simulation beruht nicht länger nur auf Modellen, Codes und der Semiotik, die – wie es im Postmoderne der Fall war – "dem Realen vorausgehen". Simulation, vor allem im Bereich der Politik, funktioniert nunmehr durch Ironie, Parodie und Farce – als Selbstparodie der früheren Werte und Inhalte der Moderne, wie etwa Freiheit, Kultur, Wahrheit und Humanität. Dabei hatte die Selbstparodie in der Postmoderne schon einmal einen frühen Auftritt, zum Beispiel in Form des Imperativs von Freiheit und Wahl als konsumeristische selbstparodistische Werbung für demokratische Werte.

Jean Baudrillard hat kurz vor seinem Tod 2007 (in mehreren kleinen Veröffentlichungen wie "Die Agonie der Macht", "Carnaval et cannibale" und "Telemorphose") sein Konzept der Simulakra und der Simulation zu einer überzeugenden Diagnose der selbstparodistischen Phase der westlichen Gesellschaften und ihrer radikalen islamischen Feinde erweitert. Es handelt sich um eine politischsoziologische Theorie voller Kraft, die interessanterweise gekennzeichnet und beeinflusst ist durch Kenntnis der Literaturtheorie und Studien von Tropen wie Ironie, Parodie sowie Michail Bachtins Karnevaleske. Bei Baudrillard heißt diese neue hypermoderne Simulationstheorie "Karneval und Kannibale". Simulation oder Hyperrealität bedeutet nicht mehr die künstliche Inszenierung sogenannter "Realität" durch Modelle und Codes, die ihr vorausgehen. Simulation ist jetzt Farce, eine ungeheure Ironie, eine Maskerade, geisterbahnhafte Spiegelverzerrung der Werte und Ideale der Moderne. Was wir zurzeit dank der meisterlichen Effekthascherei Donald Trumps und seiner Anhänger erleben, ist die Ersetzung von Politik durch Reality-Fernsehen, die Tele-Morphose von Inhalt in die Faszination vor dem Banalen samt 15 Minuten (Andy Warhol) grandioser Beleidigungen, dem Markenzeichen in einer Kultur von Medienberühmtheiten und ihrer populistischen Verbreitung an alle Cyberkonsumentenbürger.

Donald Trump ist als leerer Signifkant sehr erfolgreich. Täuschung ist kein Verrat an der Authentzität. Im Gegenteil. Täuschung ist etwas Gutes, ein positiver Wert. Trump ist eine der talentiertesten Täuschungen der Welt. Ich mag Täuschung. Lügen sind aufregend. Sie implantieren ihr eigenes mächtiges Narrativ. Viele Journalisten und Kommentatoren weisen darauf hin, dass Trump ein Lügner ist. Vielleicht stimmt es. Bei der Zahl seiner Anhänger macht es sich jedoch nicht bemerkbar. Trump ist dem modernen Wahrheitsdiskurs weit voraus. "Die Wahrheit" gegen ihn ins Feld zu führen, funktioniert als Strategie nicht. Trump bewegt sich an der Schwelle von der Postzur Hypermoderne. Einerseits ist er eine klassische Figur der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, der Hochzeit der Postmoderne. Andererseits verwendet Trump Twitter, um in endloser Gegenwart zu bestehen – und das ist Hypermoderne. Anschuldigungen gegen ihn auf Twitter verschwinden nach ein paar Wochen im Mülleimer der Geschichte; verschwunden jeglicher Kontext, den es zu verifizieren gäbe.

Dank der mir als unabhängigem Jean Baudrillard-Forscher verliehenen Kraft zeichne ich hiermit Donald John Trump in Anerkennung seiner großen Leistung, im November 2016 Präsident der Vereinigten Staaten geworden zu sein – wirklich, ich erkenne Mr. Trump als legitimen Präsidenten, als MEINEN PRÄSIDENTEN an – aus mit dem klaren und eindeutigen Preis eigener Ordnung, der Simulakra 5. Ordnung. Dem höchsten Preis im Land.

Wünscht man sich nicht manchmal, man hätte die blaue Pille geschluckt?

Aus dem Amerikanischen von Arno Baumgärtel
Mit freundlicher Genehmigung des Autors; zuerst erschienen am 16.02.2017 in seinem Blog.

Alan N. Shapiro - Blog and project archive about transdisciplinary design, media theory and creative coding

Veröffentlicht am 18.02.2017
Deutsche Übersetzung: Arno Baumgärtel

 

Arno Baumgärtel
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