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Kino ist Krieg:
FULL METAL JACKET
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| filmtexte Übersicht | |
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1. Die Filme Stanley Kubricks teilen alle das gleiche schicksal. Bei der erstaufführung mit mäßiger oder zwiespältiger resonanz aufgenommen, entwickeln sie sich mit der zeit zu dauerbrennern und longsellern des kinos. Ein gewisser nimbus eilt dem regisseur zudem voraus und tut ein übriges. So oder ähnlich wird es auch FULL METAL JACKET ergehen. 2. Mehr als Kubricks andere verweigert der film sich der erwartung eines schönen kinoerlebnisses, ohne gleich genrespezifische ("kriegsfilm") konventionen zu negieren. Was damit zu tun hat, dass es beinahe keine fabel mehr gibt, die erzählung visuell aufgesprengt und dem bild vorrang gegeben wird vor thesen, dem wort/gedanken, was die komplexität möglicher interpretationen erhöht und die wirkung vervielfacht. Es wird viel geschrieen und gebrüllt, aber wenig gesagt; handschrift eines filmautors, wie sie seit LOLITA in wachsendem maße zu beobachten war. FULL METAL JACKET ist ein außergewöhnlich guter film, für Kubrick'sche verhältnisse vielleicht nicht außerordentlich genug. Den film ohne blick aufs gesamt-oevre interpretieren zu wollen, heißt, ihn nicht verstehen. 3.
Der erste abschnitt, im rekrutierungs- und ausbildungscamp Parris Island,
präsentiert tableaus der zurichtung menschlicher körper zu lebenden kampfmaschinen.
Ein ganzer katalog an disziplinierungsritualen erwartet die "ladies",
die mit ihren gewehren ins bett geschickt werden. Ein authentischer ehemaliger
marines-ausbilder spielt sich hier selbst. Er ist ein verbalakustisches
vollmantelgeschoss, der physischen vernichtungskraft der mittelschweren
handfeuerwaffen von später in nichts nachstehend. Die personen werden
nur spärlich charakterisiert. Sie sind typisierte leitmotive. Kubrick
ist nicht interessiert an psychosozialen motivierungen, sondern am film:
armeereporter Private "Joker" ist als off-erzähler mittlerfigur und doch
nur bedingt zur identifikation geeignet. Private "Cowboy" ist der gute
kamerad, "Animal Mother" der Rambo-typ, der die fragen hinterher stellt,
und Private Pyle der dickliche versager. Er wird die ausbildung nicht
verkraften und durchdrehen. Ein zweiter abschnitt des films führt in die
etappe nach Da Nang zum job der offiziellen kriegsberichterstatter. Es
ist der abend vor der Tet-offensive, und wer muss noch darüber belehrt
werden, dass alle Nachrichten aus Vietnam geschönt, erstunken und erlogen
waren? Gustav Hasford war reporter für "Stars & Stripes" in Vietnam. Sein
kurzroman "The Short Timers" bildet die grundlage für das drehbuch. 4.
Roman Polanski, im blutigen finale von CUL DE SAC (Wenn Katelbach kommt),
war grimmiger, schwärzer, stilisierender. Kubrick hält filmischen realismus
für das beste stilmittel, schwarzer humor war seinerzeit in DR. STRANGELOVE
angezeigt. 5.
FULL METAL JACKET ist der abgesang auf das kriegsfilm-genre, wie Paul
Virilio festgestellt hat, kein film über oder kommentar zu Vietnam. Was
nicht ausschließt, dass er im zusammenhang mit APOCALYPSE NOW und THE
DEER HUNTERS, vor allen anderen, gesehen werden kann. Nicht zuletzt gibt
es drei sehr unterschiedlich angelegte kriegs-filme von Kubrick. Und selbst
BARRY LYNDON hat sein auslösendes und treibendes element im krieg. Schachspieler
Kubrick hat einmal erklärt, dass in der extremsituation des krieges der
erste zug notwendigerweise bestimmend ist für alles nachfolgende verhalten
- was wiederrum der filmemacher Kubrick nach möglichkeit ins bild umzusetzen
trachtet. 6.
So nimmt der film sich des komplexes krieg an auf einer ebene, die nicht
im plot zu finden ist. Ebensogut hätte es ein western sein können, womit
er sogar begonnen hatte: ONE EYED JACKS, ein
projekt mit Marlon Brando. Innerhalb des ersten teils beschreibbar mit
den Foucault'schen prämissen einer mikrophysik des körpers und der macht;
im dritten als versuchsanordnung der art eines Beckett'schen "Endspiels",
bei dem es um nichts geht oder: krieg als ultimates spiel. Das sind die
orte, spielfelder und -züge des "unsichtbaren königs" Kubrick. Hier ist
er ganz bei sich. 7.
Es ist denn das ärgste, was man dem film vorwerfen kann, dass er seines
anteilnahme verweigernden äußeren zum trotz einen zeigegestus pflegt,
der schon früher bei Kubrick aufgefallen ist. Es gehört zu den schönsten
kritikervoreingenommenheiten, gerade den letzten teil des films als untaugliches
spektakel zu verdammen, den ersten wegen seiner bloßstellung des unmenschlichen
militärischen drills aber über den grünen klee zu loben. Denn es ist die
crux, dass der film ohne not zwischen den bildern eine moral transportiert,
wie sie von sinndeutern geliebt wird. Die es ermöglicht, FULL METAL JACKET
(und früher schon PATHS OF GLORY) im ersten abschnitt als werk des antimilitarismus
zu requirieren und das herzstück als sensationalismus zu verreissen: das
gemetzel in der totenstadt Hue. Denn es ist die ambiguität nicht zu wissen,
ob man lachen oder betreten schweigen soll, wenn drill instructor Hartman
(!) zu seinen tiraden ansetzt (ein Hauch DR. STRANGELOVE), was diesen
teil des Films vor dem absacken in aufgewühlten pseudomoralismus bewahrt.
Ist Hartman, was er spielt oder spielt er, was er ist? Messers schneide
- die entscheidende frage nach dem antinomischen charakter von satire.
Kubrick war da schon einmal entschiedener. Präzis konzipierte zurichtungsrituale
finden sich schließlich thematisch wie filmisch besser integriert im outrierten,
hyperrealistischen A CLOCKWORK ORANGE, als Alex de Large in den knast
wandert (Alex, der "ergebene Erzähler", Jokers Alter ego: "Witzig, dass
die farben der wirklichen welt erst dann real erscheinen, wenn man sie
auf dem Bildschirm sieht."). |
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Arno G. Baumgärtel Zuerst erschienen in: ELEPHANTENKLO, Zeitung für Gießen und Umgebung, Nr. 12/87; vom Autor überarbeitet |
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