Inhaltliche Würdigung:
Do Not Forsake Me, Oh My Darling - 2:2=2
Die episode mit der poetischen überschrift "Do Not Forsake Me, Oh My Darling" bzw. der beinahe teutonisch exakten gleichung "2:2=2" trug ursprünglich den titel "Face Unknown". Diese episdoe trägt das stigma, dass sie von vielen kommentatoren geradezu verdammt wird als der letzte müll, mit schlechten produktionswerten und erbärmlicher schauspielerei; verständlich, aber doch nicht die ganze wahrheit.

Wer den (englischen) text aus dem song des Zinnemann-edel-westerns ZWÖLF UHR MITTAGS ins spiel brachte, ist nicht überliefert. Sehr wahrscheinlich spielten copyright-erwägungen eine rolle, denn die story wurde erheblich umgearbeitet, bevor sie das heute bekannte aussehen hatte.

Das bewusstsein von Nummer Sechs ist von beginn an im körper eines anderen mannes, gespielt von Nigel Stock. Die verantwortlichen im Ort wollen ihn mit dieser maßname zwingen, den erfinder der apparatur, Professor Seltzmann, aufzuspüren, der allein den umkehrprozess beherrscht. Darum muss Nummer Sechs nach Österreich fahren, wo Seltzman vermutet wird. Dass er zurückkommen wird, gilt als sicher.

EIN HAUCH VON BOND - JAMES BOND FINDET SICH DA. WER IST DER MANN MIT DEM "UNBEKANNTEN GESICHT"
(URSPRÜNGLICHER TITEL)? NUMMER SECHS TRIFFT SEINE EX-VERLOBTE IM
KÖRPER EINES ANDEREN MANNES - JEDE MENGE STOFF FÜR EIN DRAMA, ABER NICHT HIER.

Der autor der episode war Vincent Tilsley. Auf der Prisoner Convention 2003 berichtete er, er habe bei seinem skript ein eher ungutes gefühl gehabt. Denn hier galt es, eine überzeugende NUMMER-6-geschichte ohne den hauptdarsteller zu schreiben. Patrick McGoohan hielt sich in den USA auf, um sein Hollywood-debüt in dem John Sturges-film EIS STATION ZEBRA zu geben. Und intern wurde beschlossen, die serie nach 17 episoden zu beenden.

Die idee einer persönlichkeitsübertragung war ein sehr schwieriges unternehmen. Tilsley lieferte "2:2=2" ab in der hoffnung, dass er zur diskussion darüber eingeladen würde und man gemeinsam (mit Tomblin, Markstein, McGoohan?) einen verbesserten handlungsstrang entwickeln würde, der dann als resultat eine stimmige, gute episode hervorbrächte. Aber Tilsley hörte nichts mehr von den verantwortlichen. Er wusste auch nicht, ob sein skript verworfen worden war, oder ob man es ohne (notwendige) rücksprache einfach verfilmt hatte. Als er die ankündigung der ausstrahlung hörte und sich "seine" fertige epsiode im fernsehen ansah, erkannte er sich nicht mehr wieder.
McGoohan war damit total unzufrieden, und vermutlich wurde sie von David Tomblin "umgearbeitet". Dabei ging so viel von ihrer ursprünglichen substanz verloren, dass man sich gezwungen sah, den titel "Face Unknown" in "Do Not Forsake Me, Oh My Darling" zu ändern. Womöglich hatte Tomblin schon die nächste zu produzierende episode im kopf, bei der er auch selbst regie führen würde: die westernparabel "Leben in Harmonie".

Die quintessenz der handlung jedenfalls, die persönlichkeitsübertragung, ist so ziemlich das einzige, was von Tilsleys entwurf übriggeblieben ist. "2:2=2" ist auch die einzige episode, die mit einer sogenannten pre-credit sequence beginnt, ein bei serien beliebtes dramaturgisches mittel, um das fernsehpublikum anzureißen und über den vor dem eigentlichen serienvorspann folgenden werbeblock bei der stange zu halten. Und dieses intro ist wirklich gut, eines thrillers würdig und macht neugierig auf mehr. Darüber hinaus bietet die episode eine folge (zwar nur) archivaufnahmen von fahrten durchs europäische ausland, die dem ganzen aber durchaus ein großzügiges flair verleihen, ein hauch James Bond eben.
Die für den umkehrprozess benötigte maschine, die Nummer Sechs wieder in seinen eigenen körper schaffen soll, ist dagegen eher ein fall für den fundus von Edward Wood Jr. Mit wohlwollen betrachtet man sie als eine parodie auf allerhand science-fiction-trash. Ein zumindest merkwürdiges detail ist, dass der ansonsten als privatmensch völlig unbekannte Nummer Sechs verlobt sein soll, schon längere zeit, noch dazu mit Janet, der tochter seines ehemaligen vorgesetzten, der er nun im körper eines anderen mannes gegenübertritt. Leider wird vom drehbuch nichts daraus entwickelt, kein drama, außer dass Nummer Sechs Janet sich erst einmal, eher identifikatorisch, zu erkennen geben muss.

In einer früheren "Six-Of-One"-publikation wurde ein vergleich der skripte von "Face Unknown" und "Forsake" veröffentlicht. Danach war Tilsleys entwurf wesentlich besser als das jetzige produkt. Vieles drehte sich um Nummer Sechs' rücktritt vom dienst und den brief, den er bei der kündigung auf den tisch seines vorgesetzten knallt. Bei einer behandlung im Raum des Vergessens wird er an den tag seines rücktritts versetzt und erlebt im körper des Colonels, der bei Tilsley "Oskar" heißt, die wichtigen stunden, die ihn zu seiner gewissensentscheidung führten.
Eine ähnlich geartete regressionstherapie findet in der vorletzten folge "Pas de deux" im Embryoraum statt und wird zum zentralen punkt der handlung. Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, dass diese episode schon viele wochen vorher - von McGoohan selbst - geschrieben und produziert worden war; ein grund für die ablehnung?

Angesprochen auf den deutschen titel "2:2=2", war Tilsely darüber sehr erstaunt, fand aber die nichtfunktionierende gleichung schließlich gar nicht so abwegig, wie der titel auf den ersten blick vermuten lässt. Dennoch ließ er ein generelles unbehagen an dieser episode spüren, die eben nicht "seine" epsiode ist. Andererseits wird er seither als autor genannt, wird ihm diese Story zugeschrieben, und das ist mehr als nichts.

Recherche: Michael Brüne

 

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