Inhaltliche Würdigung:
Fallout - Demaskierung

War "Pas de deux", die vorletzte episode, ein bewusst inszeniertes intensives kammerspiel, ein schauspielerisches ereignis mit einer minimalbesetzung und praktisch nur einem einzigen schauplatz, dem Embryoraum, ist "Demaskierung" von allem etwas, eine untertasse voller geheimnisse, ein bunter luftballon voller ideen oder, weniger wohlwollend, eine luftblase mit rudimentärer handlung und, von etwas stock footage abgesehen, auch nur zwei schauplätzen, einem unterirdischen gewölbe sowie außenaufnahmen aus London ohne irgendwelchen dialog.

KENNETH GRIFFITH, DER PRÄSIDENT - EIN BEGNADETER REDNER VOR EINEM
AUSSERGEWÖHNLICHEN AUDITORIUM

"Demaskierung" - dem originaltitel "Fallout" nach eigentlich "Abgang", aber auch radioaktiver niederschlag - ist aus der schieren not geboren, die serie NUMMER 6 zu einem schluss zu bringen. Vordergründig, und als einzige episode überhaupt, knüpft die handlung an die vorhergehende "Pas de deux" an. Diese wiederrum war schon monate früher entstanden als abschluss einer geplanten ersten staffel, zu einem zeitpunkt, als niemand ahnte, dass und wie schnell das ende kommen würde.

Nach der psychotour der Extremen Absoluten Position wird Nummer Sechs einem tribunal vorgeführt.
Zu seiner und vor allem unserer überraschung ist er der ehrengast und wird mit "Sir" angesprochen. Man befindet sich an einem ort, dessen setting und ausstattung an Ken Adam denken lässt, den chefarchitekten so manches James-Bond-films, ein mit technischen innereien bestücktes höhlengewölbe.
In dem moment, da Nummer Sechs, der Supervisor und der Butler die unterirdische kaverne betreten, ist auf dem soundtrack "All You Need Is Love" von den Beatles zu hören, ein den frieden propagierender flower-power-titel, der im selben jahr, 1967, herauskam. Warum McGoohan gerade diesen song auswählte, darüber kann man nur spekulieren. Auf jeden fall sorgt seine verwendung gleichermaßen für irritation durch verfremdung wie für eine bestärkung dessen, was sich sogleich abspielen wird: ein tribunal, jedoch höchst polyvalent. Denn interessanterweise sind die ersten takte dieses songs die der Marseillaise, der französischen nationalhymne aus der zeit der Französischen Revolution von 1792, zeit der standgerichte und der politischen (schau-) prozesse, bei denen mit politischen gegnern meist kurzer prozess gemacht wurde; als kontrast dazu die emphatischen verse des liedes über den kampf ums vaterland.
Ringsherum nehmen mit weißen capes und schwarz-weißen gesichtsmasken gekleidete personen platz, die bestimmte rollen verkörpern: "nationalisten", "abweichler", "reaktionäre" etc.

Kenneth Griffith als Präsident schrieb seine rede auf McGoohans wunsch selber, weil dieser keine zeit hatte, während er über der generallinie der episode brütete. NUMMER 6, das brainchild McGoohans, ist hier wenig child und sehr viel brain, wo es um eine diskursive abhandlung des themas revolte und außenseitertum geht. Nicht wenige zuschauer damals dürften entnervt den fernseher abgeschaltet haben. Sie verpassten die chance, zeuge eines einmaligen stücks fernsehgeschichte zu sein. Dabei sind die didaktischen ausführungen des tribunalspräsidenten so präzise vorgetragen, dass jede parlamentssitzung sich dieser rede glücklich schätzen müsste.
Griffiths rede als versammlungspräsident ist
hier dokumentiert.

Zwei bekannte treten wieder auf: Alexis Kanner, The Kid aus "Living In Harmony", stiehlt fast allen die show als unangepasster jugendlicher hippie im rüschenhemd. Er springt herum, redet dazwischen, bimmelt mit seinem glöckchen, singt und rezitiert das spiritual "Dem Bones", bringt die versammlung gehörig durcheinander (mehr...). Leo McKern als ex-Nummer Zwei, von der zentrale eigens für den job in "Pas de deux" reaktiviert und gestorben - oder nicht? - wird nun reanimiert und findet sich gleichfalls vorgeführt als ein dem establishment angehörender revolteur, der die hand biss, die ihn fütterte. Und Nummer Sechs? Der darf auf einem thron sitzend zuschauen, muss sich dann entscheiden zu regieren oder zu gehen.
Nicht ohne genugtuung beweist man ihm, wie nutzlos gerade er für jede art von gemeinschaft oder gesellschaft ist. Denn er ist der wahre revolteur und individualist, das letzte verbliebene individuum oder, wer weiß, vielleicht sogar das allererste...? Vergessen wir nicht, wie sehr McGoohans figur seine indivdualität und integrität über die serie hinweg zu behaupten hatte. Denn gerade er wurde gezwungen, gestoßen, abgestempelt, eingestuft, bewertet, abgewertet oder nummeriert! In der schlüsselszene darf er eine rede halten, deren erstes wort "ich" von den anwesenden maskierten skandierend niedergeschrieen wird: "Ich, ich, ich...!" Der doppelcharakter von Nummer Sechs' anstrengungen wird hier auf den punkt gebracht. Die rede geht im (kalkulierten) getöse unter. Danach das chaos.

LONLEY AT THE TOP: NUMMER SECHS GANZ BEI SICH SELBST - UND DEM BUTLER...

Zeit auch, an Nummer Eins zu denken: McGoohans alternativen für den posten des oberschurken waren arg limitiert, wie B. Frank in seinem artikel (mehr..) herausgearbeitet hat. Dass Nummer Sechs Nummer Eins ist, konnte nach allem gar nicht anders sein - denn was kann es schlimmeres geben als das schlimmste alptraummonster: das eigene alter ego, das böse zwilligs-ich, the evil side of man, Mr. Hyde im gewand von Dr. Jeckyll. McGoohan stand in der pflicht, fernsehsender wie publikum eine auflösung liefern zu müssen, in seinem unwillen jedoch verweigerte er dem publikum, nach was es verlangte: Mr. X, Dr. Mabuse, außerirdische - eine genrekonforme coda. Darüber war er lange hinaus.

Darüber hinaus ist das, was wir zu sehen bekommen, fast die gesamte episode "Demaskierung", reichlich mehr theater- als denn filmische inszenierung in der fast völligen übereinstimmung von handlung, zeit und ort, den als kulissen erkennbaren sets, den deklamatorischen dialogen und im schauspielerischen ausagieren. Was wiederrum nicht wenig beiträgt zur geringschätzung dieser doch außergewöhnlichsten monsteraustreibung der seriengeschichte. So viel reverenz sollte schon sein.

EIN PAAR SEKUNDEN, DIE SERIENGESCHICHTE MACHTEN... - UND DIE
DOCH KEINE RECHTE BEACHTUNG FANDEN.

Bemerkenswert, wie viele kommentatoren diese paar neuralgischen bilder links liegen lassen in ihren betrachtungen. Schauen wir genauer hin, alles geht sehr schnell. Unwesentlich länger als diese animation ist die sequenz der "enttarnung" von Nummer Eins im realfilm. Das muss sie, sonst würde man ihr zu recht einen extremen zeigecharakter vorhalten. Und besser würde sie dadurch erst recht nicht.

In der reihenfolge des erscheinens:
1. Vom tribunal in die katakomben ist Nummer Sechs jetzt in einem kommandoraum (einer rakete, wie man später sieht), wo er eine wie die gestalten des tribunals mit einem weißen cape und maske gekleidete person trifft, die ihm eine kristallkugel reicht.
2. Nummer Sechs tritt näher, nimmt die kugel, die person präsentiert sich - und uns - frontal. Die kugel fällt und zerbricht.
3. Überdeutlich ist die nummer "1" zu erkennen.
4. Nummer Sechs greift nach der gesichtsmaske, reißt sie herunter.
5. Ein affengesicht kommt zum vorschein, brabbelnd, giggelnd, spottend.
6. Nummer Sechs erkennt irritiert, dass auch der affe eine maske ist und reißt die affenmaske ab; darunter...
7. ... sein eigenes gesicht! Merkwürdig verzerrt, aggressiv, herausfordernd.
8. Für momente gleichen die gesichtszüge von Nummer Sechs sich denen seines doppelgängers/alter egos an. Beide stoßen schreie aus.
9. Blitzschnell verschwindet "Nummer Eins-Sechs" eine steigleiter hinauf und aus dem raum. Nach einer schrecksekunde macht "Nummer Sechs-Sechs" sich an die verfolgung, zu spät.
10. "Ätsch! - Du kriegst mich nicht!" Das letzte bild von "Nummer Eins-Sechs", bevor das schott zufällt, auf nimmerwiedersehen.

Mit diesen paar einstellungen lässt McGoohan die luft aus dem bis dahin vermeintlich größten geheimnis der fersehseriengeschichte. Distanziert und lapidar, ein bisschen Brecht und episches theater, ein bisschen "hasch-mich"-kinderspiel. Es kann nicht funktionieren. Nicht wie erwartet.

Bewundernswert auch nach 40 jahren ist die chuzpe, mit der McGoohan geglaubte unvereinbarkeiten, entfernt liegendes und disparates zusammenführt - und wie doch alles, wider erwartung, nicht ohne wirkung bleibt. Nein, diese episode ist wirklich nicht gut im herkömmlichen sinn von serienentertainment. Sie ist zu gut für vieles andere.
Was von der episode bleibt, sind bilder, töne, stimmungen, "der hüftknochen kommt wieder zum beckenknochen... Hört das wort des Herrn (
mehr...)!"

Das ende ist (wie) der anfang - von NUMMER 6, von etwas anderem? Das schlussbild zeigt die figur, die wir als Nummer Sechs kennen gelernt haben, im Lotus auf dem selben (?) lost highway wie zu beginn. Schon hier ist das ende der straße nur der anfang.

 

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