The Prisoner Nummer 6

Serien gehören zum bodensatz des fernsehens, omnipräsent und so unendlich wie das medium selbst. Die wenigsten kratzen auch nur an der unterseite unserer aufmerksamkeitsschwelle.
UNWAHRSCHEINLICHE GESCHICHTEN war eine, dies es tat, der klassiker TWILIGHT ZONE.
Dieser titel steht ein für alles, was mit dem begriff TV-magic verbunden ist.

Fantastisches fernsehen
der 60er jahre, das ist
auch eine beschwörende formel:
"Wir sehen uns!"
oder L'année dernière
au Village:

FRANK T. BITTERHOF
BLU-RAY: DIE OFFENBARUNG
ROBERT FAIRCLOUGH

POP UND POLITIK
HOWARD FOY

ES WAR EINMAL - EIN TRIP
GUILLAUME GRANIER

SCHÖNER TAG! - SPÄTER...
LARRY HALL

DER PROZESS
WHAT IT MEANS...
HARALD KELLER

WIR SEHEN UNS - WIEDER
NUMMER SECHS
NOWHERE MAN
BERND RUMPF INTERVIEW
ROGER LANGLEY

PRISONER'S PORTMEIRION
SET PIECE - BÜHNENSTÜCK
6 PRIVATE
KEVIN P. MAHONEY

DER ANARCHISCHE PRISONER
RICK McGRATH

35TH ANNIVERSARY DVD
WARNER TROYER
McGOOHAN-INTERVIEW
CHRISTOPH WINDER

ICH BIN KEINE NUMMER
VALARIE ZIEGLER
THE PRISONER'S SHADOW SIDE

 

 

2009 jährte sich die deutsche fernsehpremiere von
NUMMER 6 zum 40. mal.
Wir haben gefragt: Was ist besonders an NUMMER 6? Was ist es, das Sie an den haken genommen und nicht wieder los gelassen hat? Warum halten Sie diese über 40 jahre alte serie für immer noch oder vielleicht schon wieder für sehr zeitgemäß - wie Patrick McGoohan, ihr urheber, es sich vorgestellt und gewünscht hat? Was ist das spezifische daran, dass man spätere televisionäre und filmische produkte sogar mit dem attribut "prisoneresk" belegt hat?
Die hier veröffentlichten beiträge suchen, jeder auf seine weise, antworten auf diese fragen. Mit großem dank an die autoren!

Von Arno Baumgärtel
Betreiber dieser website
nummer6-theprisoner.de

· NÄCHSTER BEITRAG >

In der geschichte der Bundesrepublik Deutschland, aber auch in der französischen und der US-amerikanischen sind die jahre 1967 und 1968 so etwas wie landmarken, ein paar stichworte:
- die Große Koalition in Bonn, notstandsgesetzgebung und außerparlamentarische opposition, studentenbewegung
- Benno Ohnesorg von einem polizisten am rande einer anti-Shah-demonstration erschossen
- der mordanschlag auf Rudi Dutschke einige monate danach
- der Pariser Mai mit studentenprotesten und generalstreik
- die sich ausweitenden proteste gegen den krieg der USA in Vietnam, internationalismus und anti-imperialismusdebatten.

Dagegen führt das jahr 1969 ein bisschen ein schattendasein. Dabei hat auch 1969 einiges vorzuweisen, wie zum beispiel
- die erste ZDF-Hitparade
- die dauerkrimiserie DER KOMMISSAR
- Richard Nixon als US-präsident
- Willy Brandt erster sozialdemokratischer Bundeskanzler
- das festival von Woodstock.
- der erste mensch auf dem Mond.

40 JAHRE NUMMER 6 - DEUTSCHE TV-PREMIERE AM 16.08.1969
PATRICK McGOOHAN 19.03.1928 - 13.01.2009
CHRONIK 1969 - mehr...

Nicht zuletzt, 1969 war für mich ein jahr der zäsur. Die familie zog aus einem dorf in Hessen nach Freiburg im Breisgau um. Ich war damals 13, alles war neu, ich musste mich in der schule eingewöhnen. Das interesse an naturwissenschaft und technik war allgemein groß in dieser zeit. Passend dazu landete Apollo 11 am 20. Juli auf dem Mond. Ein ereignis, das ich wegen des umzugs live gar nicht erleben konnte.

Dann, am 16. August 1969, lief im ZDF eine neue serie mit dem titel NUMMER 6 an. In den fernsehzeitschriften markierte ich immer die sendungen, die ich auf jeden fall ansehen wollte. Und wahrscheinlich waren es die stichworte "utopische serie", "phantastische serie" oder "science-fiction-serie", mit denen die reihe beschrieben wurde, die mich als begeisterter gucker der vorabendserie UNWAHRSCHEINLICHE GESCHICHTEN neugierig machte (wie sich viel später herausstellte, handelte es sich dabei um die TWILIGHT ZONE). Und außerdem fiel der etwas seltsame titel NUMMER 6 unter all den übrigen serientiteln auf. Ganz bestimmt spielte eine rolle, dass der hauptdarsteller derselbe war wie der in der beliebten nicht einmal 30-minütigen vorabendserie GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE, nämlich Patrick McGoohan.

Dummerweise habe ich keine erinnerung mehr, ob ich die erste episode von NUMMER 6 überhaupt gesehen habe - möglicherweise gar nicht... Das nächste, woran ich mich erinnere, ist die titelsequenz der serie, die sich in fast jeder episode wiederholt. Darin wird die vorgeschichte erzählt:

Ein mann, den wir nur als Nummer Sechs kennen lernen werden, fährt im extravaganten sportwagen - wie ihn Deutschland nicht kannte - durch London. Fährt in eine tiefgarage, schreitet fest entschlossen und mit finsterem blick durch einen dunklen korridor, hält seinem boss eine standpauke und knallt ihm einen brief samt faust auf den schreibtisch. Das alles begleitet von donnerschlägen, die wenig gutes verheißen. Es ist nicht zu hören, was er sagt. Aber dass es nichts erfreuliches ist, wird durch die bilder sehr deutlich.
Dann fährt er nach hause, packt ein paar sachen. Und wir sehen, wie ein befrackter mann mit zylinderhut sein haus betritt. Durch das schlüsselloch strömt weißer qualm, und der mann fällt ohnmächtig um.
Als er wieder erwacht, ist er scheinbar in seinem appartment, doch sein blick aus dem fenster fällt auf eine ganz andere umgebung - auf deutsch ohne namen, jahrzehnte später wird sich zeigen: "The Village".

Es folgt ein prolog, der einen förmlich an den sessel ketten musste:
- Wo bin ich?
- Sie sind da.
- Was wollen sie?
- Informationen.
- Auf wessen seite sind sie?
- Wir sind auf der richtigen seite. Wir wollen informationen...
- Ich sage nichts.
- So oder so, sie werden sprechen.
- Wer sind sie?
- Die neue Nummer Zwei.
- Wer ist Nummer Eins?
- Sie sind Nummer Sechs.
- Ich bin keine nummer, ich bin ein freier mensch!

... sardonisches gelächter.

Diese Nummer Zwei - wie auch alle anderen noch folgenden - unternimmt den versuch, unseren mann ohne namen dazu zu bringen, die gründe des rückzugs von seinem job offen zu legen. Haarklein will man alles wissen. Und Nummer Sechs weigert sich standhaft, auch nur irgendetwas von sich preiszugeben oder zu kooperieren: "Ich lasse mich nicht zwingen, stoßen, abstempeln, einstufen, werten, abwerten oder nummerieren. Mein Leben gehört mir."

Wer siegt hier am ende? Gelingt ihm die flucht? Wer zum teufel ist Nummer Eins? Was sollte das ganze überhaupt?

Für's erste blieben mir nur lückenhafte eindrücke und bilder zurück:
• natürlich der serienvorspann mit diesem faszinierenden auto,
• der geheimnisvolle ort und die pittoreske umgebung zwischen meer und bergen
• abgesehen von der eher grimmigen hauptfigur Nummer Sechs waren da immer heitere menschen in bunten pullovern und mit sonnenschirmen, die sich mit "Wir sehen uns!" begrüßten. Das klang schon damals in meinen ohren eher wie eine drohung.
• Am schluss jeder folge das gesicht hinter den zusammenschlagenden gefängnisgittern und die deprimierende aussage: wieder nicht entkommen!
• Und schließlich ein komischer weißer ballon, der immer mit gebrüll herbeikam und imstande war, leute zu ersticken.
Dieser ballon war genau wie das hochrad, das auf ansteckern und plakaten zu sehen war, ein wichtiges visuelles vehikel und erkennungszeichen für die serie. Außerdem erinnerte der ballon mich immer an das raumschiff Orion - nur drei jahre vorher war das im fernsehen gewesen - wahrscheinlich, weil er auch aus dem meer herauskam.

Aber verdammt: Worauf lief das alles hinaus? Ich kann es nicht definitv sagen, aber mehr als vier, fünf komplette folgen dürften es nicht gewesen sein, die ich sehen konnte. Und das lag zum einen an der unmöglichen sendezeit: samstagnachts irgendwann nach dem Aktuellen Sportstudio; außerdem an der gefühlten jahrelangen wartezeit zwischen zwei episoden. Und nicht zuletzt, es war im jahr 1969 nicht selbstverständlich, eine sendung sehen zu dürfen, von der meine eltern vermutlich selber nicht wussten, was sie davon zu halten hatten, wenn sie sie überhaupt ansahen.

Die sache NUMMER 6 schlief dann aber relativ schnell ein, um 1972 für einen moment ins bewusstsein zurückzukehren, als das ZDF sieben episoden wiederholte. Jahrzehntelang war NUMMER 6 aber nichts weiter als eine zeitkapsel der erinnerung, verblassende vage bilder. Hilfreich mag für meine erinnerung gewesen sein, dass unser held Nummer Sechs in dem augenblick, als er aus der betäubung erwacht, einem lehrer meiner schule, zugleich fußballspieler beim örtlichen verein, ähnlich sah. Bildete ich mir zumindest ein.

Wir machen einen zeitsprung... in die 80er jahre. Die frühen 80er waren eine zeit, in der universitätsprofessoren, wenn sie über medien, film, fernsehen und populäre kultur unterrichten wollten und überhaupt in die engere berufungsauswahl kamen, mancherorts vom etablierten kollegium hinterrücks abgebügelt wurden. Oder aber sie verschenkten ihren stoff unter dem gängigen kritischen stichwort "didaktik der massenmedien" an lehramtsstudenten.
Der kampf gegen den bau von atomkraftwerken, die Startbahn West am Frankfurter flughafen, die volkszählung, die geplante verkabelung der republik und das politisch durchgedrückte privatfernsehen standen in dieser zeit auf der agenda und versetzten große teile der bevölkerung und der undogmatischen linken in heftige erregung.

Letzten endes zogen die (damals) "neuen medien" in gestalt des kabelanschlusses auch in eher linke wohngemeinschaften ein, was durchaus seinen vorteil hatte, denn nur so war es möglich, zu beginn der 90er jahre die komplette deutsche staffel von NUMMER 6 bei Pro7 wieder zu sehen. Erst viel später erfuhr ich, dass SAT1 die serie schon mitte der 80er wiederholt hatte. Das war aber komplett an mir vorbeigegangen. Keine zeit für NUMMER 6.

Glücklicherweise war inzwischen der videorecorder erfunden worden. Das gab den startschuss, sich intensiver mit NUMMER 6 zu beschäftigen, vergessenes aus der versenkung zu holen und recherche zu betreiben. Amerikanische literatur über fernsehserien fiel mir in die hände. Denn auf deutsch war so gut wie nichts zu bekommen. Auf diesem weg erfuhr man auch, dass es vier episoden gar nicht auf deutsch gab - und auch dafür war bald eine videoquelle, die 3. oder 4. kopie einer kopie, aufgetan. Eins der bücher wies auch den weg in den "Ort" der gefangenschaft von Nummer Sechs, den es wirklich gibt: Portmeirion im norden von Wales.

In einer zeit ohne maps.google, google.earth und routenplaner hieß es landkarten und reiseführer konsultieren! In dieser zeit fuhren die menschen scharenweise ins Glottertal auf der suche nach der SCHWARZWALDKLINIK - und wir 1991 ins reale Village nach Portmeirion. Und wir wurden fündig:
The Village - der Ort - das haus von Nummer Sechs - die PRISONER Convention, dazu ein bombenwetter, von dem die Waliser heute noch sprechen.

Viele menschen bewundern oder lieben - auf ihre art - den hauptdarsteller, produzenten und regisseur Patrick McGoohan, der am 13. Januar 2009 mit fast 81 jahren gestorben ist. Sie lieben seine art zu spielen, manche finden die production values der serie hervorragend (und sie sind es tatsächlich), oder die mehr oder weniger versponnenen stories. Wieder andere finden besonderen gefallen am ort der handlung - dem besagten Portmeirion in Wales - eine siedlung wie ein traum, oder aber aus einem alptraum.

Seltsamerweise hatte und hat für mich das im vorspann immer wieder zu hörende credo der hauptfigur: "Ich bin keine nummer, ich bin ein freier mensch!", das bestreben von Nummer Sechs', ein individuum und frei zu sein - für viele die triebfeder der gesamten serie - nicht diesen stellenwert. Eher ist es die kombination aus handlung, dieser von grund auf widersässigen figur Nummer Sechs, dem set-design und dem fraglosen surrealismus darin, was mich an der serie angesprochen hat und noch immer anspricht. Das ganze ergibt deutlich mehr als die summe seiner bestandteile.

Geschehnisse, obwohl durchaus "realistisch" in der schilderung auf dem bildschirm, die sich einem entziehen und nicht richtig greifbar sind, die ein unbehagen erzeugen; oder die dialoge, oft verknappt und mehrdeutig, ergehen sich in anspielungen oder sind sogar gelegentlich völlig abwesend. Einzelne szenen und augenblicke in der serie - für meinen geschmack eher noch zu wenige - rufen hier ein gefühl der unbestimmtheit, des vagen, ja der indifferenz hervor, an der jegliche subversion abzuprallen scheint. In anderem kontext wurde diese chiffre für die spät- oder postkapitalistische gesellschaft als "repressive toleranz" bezeichnet.
Die serie NUMMER 6 - das freilich eine feststellung im nachhinein - transportierte das bild einer realität, das nur wenige millimeter versatz von dem unseren des jahres 1969 hatte, und das mir später in manchen romanen und storys von Philip K. Dick wieder begegnete. 40 jahre weiter ist die science-fiction an NUMMER 6 längst kalter kaffee und - nebenbei bemerkt - gerade der lächerlichste teil daran, das monster, der weiße ballon Rover, bleibt als sinnbild höchst aktuell; turnhallengroße supercomputer dagegen, kabelfernsehen und kabelloses telefon, kameraüberwachung der alltäglichsten bereiche, folter, physische und psychische konditionierung sowieso, der mensch als profil von kolonnen von zahlen und nummern in datenbanken... Der versatz beider realitätsbilder ist beinahe infinitesimal knapp, sprich: kongruent geworden. Das ist der mehrwert der serie, der sie hat überdauern lassen. Und je unreifer man selber noch der welt gegenüberstand - vulgo: je jünger man war - desto befremdlicher mussten einem die geschehnisse auf dem bildschirm vorkommen. Für eine fernsehserie war das verdammt allerhand.

An dieser stelle berührt die fernsehserie NUMMER 6 das literarische werk von Franz Kafka. Und wahrscheinlich liegt hier der grund, warum man seither manche filme und auch fernsehserien als "prisoneresk" bezeichnet. Schließlich gibt es eine folge NUMMER 6, die sehr deutlich - nicht nur, aber auch Kafka ist: die episode "Die Anklage", im original "Dance Of The Dead". Bis in einzelne einstellungen hinein hat man sich hier den Orson-Welles-film DER PROZESS aus dem jahr 1962 buchstäblich als vorbild genommen. Liest man dagegen über die produktionsumstände dieser episode, erweist sich, dass der surrealismus von NUMMER 6 ganz und gar nicht ein durchgeplantes konstrukt ist, sondern das ergebnis einer reihe von zufällen, die sich dem rationalen zugriff meistens entziehen - was also durchaus im geist der surrealisten wäre.

Als quintessenz bleibt für mich, das kunstwerk NUMMER 6 ist deutlich klüger als sein schöpfer.

Bei der beschäftigung mit der faszination NUMMER 6 sind aber in jedem fall auch individuelle, biografische und soziokulturelle faktoren entscheidend:
- Wie alt warst du, als die serie das erste mal lief?
- Durftest du überhaupt fernsehen?
- Wie lange am tag?
- Was durftest du sehen?
- Was hast du meistens gesehen?

Wir, die die-hards, sind, mehr oder weniger, von derselben generation, um die 40 oder 50. In ermangelung von aufnahmegeräten musste in diesen frühen fernsehtagen jede sendung in echtzeit angesehen werden. Für Deutschland kommt hinzu, dass es nur zwei oder zweieinhalb sender gab (ARD, ZDF, die regionalen Dritten mit nur wenigen stunden täglicher sendezeit). Zerklüftete fernsehverhältnisse mit hunderten und mehr frei empfangbarer sender und werbeunterbrechungen in filmen und serien kannte man allenfalls vom hörensagen aus den USA. Und das heißt:
Fernsehen war jung und neu.
Fernsehen war stadtgespräch.
Das fernsehen selbst war die botschaft!
Und die serie NUMMER 6 machte ihren eigenen diskurs über die medialen verhältnisse auf.

Für andere leute meines alters bedeutet fernsehen allerdings nicht zwangsläufig dasselbe oder überhaupt etwas. Zum beispiel meine frau. Weder hat sie früher all die serien gesehen, noch hat sie sie wie ich gesehen. Fernsehen selbst bedeutet für sie etwas ganz anderes.

Zuschauer bzw. fans in Großbritannien haben wieder einen ganz anderen zugang. McGoohan war überaus beliebt und bekannt - das war er auch hier. THE PRISONER lief dort aber nicht zu nachtschlafender zeit. Fernsehserien gehörten und gehören zur alltäglichen kultur - in Deutschland lange zeit nicht, vermutlich heute noch nicht richtig. In Deutschland herrscht schubladendenken: "E" wie ernst und "U" wie unterhaltung, hoch- und trivialkultur. Nicht zu vergessen, das mantra des öffentlich-rechtlichen "bildungsauftrags" der massenmedien, und alles streng voneinander getrennt, nur im jeweiligen fachbereich erhältlich. Was nicht ins eigene fach passt, wird ausgeblendet. Scheuklapp rules.

Der umgang britischer fernsehsender mit ihrer seriengeschichte ist völlig anders als hierzulande. So wurde THE PRISONER anlässlich des 80. geburtstages von McGoohan im März 2008 ebenso landesweit wiederholt wie nach seinem tod. Das für herbst 2009 angekündigte PRISONER-remake in sechs teilen schlägt hohe wellen. Dagegen weiß man in der presseveröffentlichung des ZDF zum tod McGoohans nicht einmal mehr, dass man diese serie 1969 im eigenen programm hatte. Andere hätten sich für so einen eintrag im portfolio ein bein ausgerissen. Die erinnerung stirbt mit den beteiligten personen. Aber abgesehen davon, hält der sender den erzählstil sowieso für (zitat) "unzeitgemäß". Über die güte des erzählstils von serien wie die erwähnte SCHWARZWALDKLINIK, DER BERGDOKTOR, ROSAMUNDE PILCHER, DER ALTE usw. und so fort wollen wir an dieser stelle lieber nicht räsonnieren.

NUMMER 6 ist eine serie mit sehr vielen facetten, jedoch nicht der beliebigkeit. Alles ist eine frage der perspektive, und davon gibt es viele: im leben, in theorie und praxis, in der serie NUMMER 6, und auch am original drehschauplatz in Portmeirion. Denn dieser ort ist ganz nach prinzipien des schauwerts aufgebaut.

Das ist für mich das besondere an NUMMER 6.

Damit sind wir in der gegenwart: 1998 ergab sich für mich die notwendigkeit, mich beruflich mit den "neuen medien" - computer, betriebssysteme und anwendungsprogramme - zu beschäftigen. Als relativ spät in der digitalen welt angekommener versetzte mich das schließlich in die lage, das projekt

Wir sehen uns oder: L'année dernière au Village

(der eigentliche titel meiner website) zu starten. Seit 2001 existiert die website über NUMMER 6 - THE PRISONER unter dem domännamen match-cut.de. Seit anfang 2010 gibt es zusätzlich den "sprechenden" domännamen nummer6-theprisoner.de. Ein PRISONER-begeisterter mensch hat außerdem den domännamen nummersechs.de zur verfügung gestellt. Aus dem versuch von 1990, einen artikel über die serie an zeitschriften zu verkaufen, wurde, nach reichlicher lagerzeit und kontinuierlicher expansion, die website match-cut.de in ihrer heutigen form, das umfangreichste über die serie NUMMER 6 in deutscher sprache.

Auf dieser website wird auf modische teaser und "web 2.0"-gimmicks verzichtet: Es gibt also weder videos noch klingeltöne, polls oder gewinnspiele, auch kein forum oder instant messenger geschweige verknüpfungen mit "sozialen" netzwerken à la Facebook. Und eben auch keine werbung. Splendid isolation? Die wichtigsten webseiten, über die deutsche DVD, über das Village, die PRISONER Appreciation Society SIX OF ONE - 601 - sowie über einsteigerinformationen in die serie finden sich regelmäig unter den top-10 der webstatistik. Dass statistisch gesehen keine drei einzelseiten auf jeden besucher entfallen, ist gleichwohl der wermutstropfen an der sache. Nicht statistisch erfasst wird die altersstruktur der besucher. In gesprächen erfährt man regelmäßig, dass die meisten NUMMER-6-fans die serie noch aus den zeiten der erstsendung 1969 bzw. der erstwiederholung 1972 kennen. Entsprechend sind die allergrößten fans heute in ihren mittleren bis späten 40ern oder schon in den 50ern. Jüngere menschen kommen auf NUMMER 6 fast immer durch mediale querverweise, anspielungen in der zeichentrickserie THE SIMPSONS, bekenntnisse des LOST-erfinders Abrams oder sound-samples in einem titel von Iron Maiden.

2006 geschah schließlich, was man als fan der ersten stunde kaum für möglich gehalten hatte: KOCH-MEDIA brachte die erste deutsche home-video-fassung von NUMMER 6 heraus, komplett, also auch die vier niemals synchronisierten episoden, plus zwei alternative versionen bekannter episoden, dazu diverses zusatzmaterial. Das erscheinen der DVD-box zog bisher drei treffen nach sich, 2007 und 2008 in Wiesbaden, 2009 in Gießen, deren ausgangsüberlegung war zu testen, wie denn die resonanz auf diese 40 jahre alte serie heutzutage noch ist.

Zu beginn dieser website stand kaum mehr als der basisartikel von rund zehn schreibmaschinenseiten. Zurzeit wächst die website noch kontinuierlich. Und vielleicht ist es ein bisschen wie in anlehnung an eine kurzgeschichte von Arthur C. Clarke "Die neun Milliarden Namen Gottes": Wenn das letzte zeichen über die serie geschrieben worden ist, hört die welt hört auf zu existieren, weil dann alle namen Gottes - Patrick McGoohan wurde wegen seiner großen einflussnahme auf die produktion halb scherzhaft als solcher bezeichnet - in der welt und ausgedrückt worden sein werden. Aber das steht freilich auf einem ganz anderen blatt...

Wir sehen uns!

40 JAHRE NUMMER 6 - DEUTSCHE TV-PREMIERE AM 16.08.1969

 


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