![]() |
Inhaltliche Würdigung
|
|
War "Pas de deux", die vorletzte episode, ein bewusst inszeniertes intensives kammerspiel, ein schauspielerisches ereignis mit einer minimalbesetzung und praktisch nur einem einzigen schauplatz, dem Embryoraum, ist "Demaskierung" von allem etwas, eine untertasse voller geheimnisse, ein bunter luftballon voller ideen oder, weniger wohlwollend, eine luftblase mit rudimentärer handlung und, von etwas stock footage abgesehen, auch nur zwei schauplätzen, einem unterirdischen gewölbe sowie außenaufnahmen aus London ohne irgendwelchen dialog.
KENNETH
GRIFFITH, DER PRÄSIDENT - EIN BEGNADETER REDNER VOR EINEM "Demaskierung" - dem originaltitel "Fall Out" nach eigentlich "Abgang", aber auch radioaktiver niederschlag - ist aus der schieren not geboren, die serie NUMMER 6 zu einem schluss zu bringen. Vordergründig, und als einzige episode überhaupt, knüpft die handlung an die vorhergehende "Pas de deux" an. Diese wiederrum war schon monate früher entstanden als abschluss einer geplanten ersten staffel, zu einem zeitpunkt, als niemand ahnte, dass und wie schnell das ende kommen würde.
Nach der psychotour der Extremen Absoluten Position wird Nummer
Sechs einem tribunal vorgeführt. Kenneth Griffith als Präsident schrieb seine rede auf McGoohans wunsch selber, weil dieser keine zeit hatte, während er über der generallinie der episode brütete. NUMMER 6, das brainchild McGoohans, ist hier wenig child und sehr viel brain, wo es um eine diskursive abhandlung des themas revolte und außenseitertum geht. Nicht wenige zuschauer damals dürften entnervt den fernseher abgeschaltet haben. Sie verpassten die chance, zeuge eines einmaligen stücks fernsehgeschichte zu sein. Dabei sind die didaktischen ausführungen des tribunalspräsidenten so präzise vorgetragen, dass jede parlamentssitzung sich dieser rede glücklich schätzen müsste. Griffiths rede als versammlungspräsident ist hier dokumentiert. Wie beim gesprochenen prolog des serienvorspanns geht die deutsche synchronfassung von 1969 unter Joachim Brinkmanns regie in dieser episode beim wortgefecht zwischen dem hippie, Nummer 48 (Alexis Kanner), und dem versammlungspräsidenten (Kenneth Griffith) einen signifikant eigenen weg. Der dialog zwischen dem Präsidenten und Nummer 48 ist hier dokumentiert. Eine begründung für das abweichen vom originaldialog ist nicht überliefert. Sicher ist: Seit der produktion von "Demaskierung" etwa im sommer 1967 waren rund zwei jahre vergangen. Zwei jahre voller ereignisse besonders in Kontinentaleuropa, den USA und Deutschland, die Brinkmann vor augen und im kopf haben musste. Die themen des originaldialogs - anpassung und norm, der generationenkonflikt, manifest in gestalt der beiden figuren Präsident und Hippie - werden von Brinkmann relativ stark umgearbeitet, ja umgedeutet in eine auch recht kryptische auseinandersetzung über gewalt und zwang. Zwei
bekannte treten wieder auf: Alexis Kanner, The Kid aus "Living
In Harmony", stiehlt fast allen die show als unangepasster jugendlicher
hippie im rüschenhemd. Er springt herum, redet dazwischen, bimmelt
mit seinem glöckchen, singt und rezitiert das spiritual "Dem
Bones", bringt die versammlung gehörig durcheinander (mehr...).
Leo McKern als ex-Nummer Zwei, von der zentrale eigens für den job
in "Pas de deux" reaktiviert und gestorben - oder nicht? - wird
nun reanimiert und findet sich gleichfalls vorgeführt als ein dem
establishment angehörender revolteur, der die hand biss, die ihn
fütterte. Und Nummer Sechs? Der darf auf einem thron sitzend
zuschauen, muss sich dann entscheiden zu regieren oder zu gehen.
LONLEY AT THE TOP: NUMMER SECHS GANZ BEI SICH SELBST - UND DEM BUTLER... Zeit auch, an Nummer Eins zu denken: McGoohans alternativen für den posten des oberschurken waren arg limitiert, wie B. Frank in seinem artikel (mehr..) herausgearbeitet hat. Dass Nummer Sechs Nummer Eins ist, konnte nach allem gar nicht anders sein - denn was kann es schlimmeres geben als das schlimmste alptraummonster: das eigene alter ego, das böse zwilligs-ich, the evil side of man, Mr. Hyde im gewand von Dr. Jeckyll. McGoohan stand in der pflicht, fernsehsender wie publikum eine auflösung liefern zu müssen, in seinem unwillen jedoch verweigerte er dem publikum, nach was es verlangte: Mr. X, Dr. Mabuse, außerirdische - eine genrekonforme coda. Darüber war er lange hinaus. Darüber hinaus ist das, was wir zu sehen bekommen, fast die gesamte episode "Demaskierung", reichlich mehr theater- als denn filmische inszenierung in der fast völligen übereinstimmung von handlung, zeit und ort, den als kulissen erkennbaren sets, den deklamatorischen dialogen und im schauspielerischen ausagieren. Was wiederrum nicht wenig beiträgt zur geringschätzung dieser doch außergewöhnlichsten monsteraustreibung der seriengeschichte. So viel reverenz sollte schon sein.
EIN
PAAR SEKUNDEN, DIE SERIENGESCHICHTE MACHTEN... - UND DIE Bemerkenswert, wie viele kommentatoren diese paar neuralgischen bilder links liegen lassen in ihren betrachtungen. Schauen wir genauer hin, alles geht sehr schnell. Unwesentlich länger als diese animation ist die sequenz der "enttarnung" von Nummer Eins im realfilm. Das muss sie, sonst würde man ihr zu recht einen extremen zeigecharakter vorhalten. Und besser würde sie dadurch erst recht nicht.
In der reihenfolge des erscheinens: Mit diesen paar einstellungen lässt McGoohan die luft aus dem bis dahin vermeintlich größten geheimnis der fersehseriengeschichte. Distanziert und lapidar, ein bisschen Brecht und episches theater, ein bisschen "hasch-mich"-kinderspiel. Es kann nicht funktionieren. Nicht wie erwartet. Bewundernswert
auch nach 40 jahren ist die chuzpe, mit der McGoohan geglaubte unvereinbarkeiten,
entfernt liegendes und disparates zusammenführt - und wie doch alles,
wider erwartung, nicht ohne wirkung bleibt. Nein, diese episode ist wirklich
nicht gut im herkömmlichen sinn von serienentertainment. Sie ist
zu gut für vieles andere. Das ende ist (wie) der anfang - von NUMMER 6, von etwas anderem? Das schlussbild zeigt die figur, die wir als Nummer Sechs kennen gelernt haben, im Lotus auf dem selben (?) lost highway wie zu beginn. Schon hier ist das ende der straße nur der anfang.
|