![]() |
Inhaltliche Würdigung
|
| Wenn
es so etwas gibt wie den NUMMER-6-touch, das gewisse etwas, das auf
alle übrigen episoden ausstrahlt, dann liegt dieses prisonereske
in der episode "Die Anklage" begründet.
Vordergründig sind da zwei stories in einer. Und so manche/r wird nur mit mühe deren windungen folgen können. Da ist zum einen der versuch von Nummer Sechs, mit hilfe der angespülten (und, darf man annehmen, von den verantwortlichen des Ortes bewusst platzierten) leiche der außenwelt die paradoxe botschaft "Ich bin es, ich lebe noch." mitzuteilen sowie die eigene integrität zu bewahren (ein radio mit einem mysteriösen programm erzeugt irritation, könnte aber eine verbindung nach draußen bedeuten); zum anderen die anstrengungen von Nummer Zwei, genau diese unterscheidung zwischen dem Ort und der restwelt, zwischen innen- und außenwelt hinfällig zu machen und Nummer Sechs ihre welt als die einzig gültige zu vermitteln (dialogszene am strand, karneval, maskenball und tribunal). Auf
der handlungsebene wird man mit dieser folge kaum glücklich. Wie
so oft, der inhalt gibt längst nicht den gehalt der
episode wieder, gerade wenn es um traumtheorie, die psychologie des unbewussten
sowie um literarischen und vor allem filmischen surrealismus geht, der
hier deutlich seine spuren hinterlassen hat; namentlich der einfluss von
Lewis Carrolls ALICE IM WUNDERLAND, Jean Cocteaus ORPHEE (beide auch als
filme) und Kafkas romanerzählung "Der Prozess". In diesem
erfährt der protagonist K. eines tages, dass er unter anklage steht.
Wessen er beschuldigt wird, ob und wann es zu einem prozess kommen wird,
das alles bleibt weitgehend im vagen (mehr...).
TWILIGHT
ZONE AUF DEM STRAND... Mit dieser episode treten wir ein in das reich der fantasy. Tatsächlich könnte man annehmen, Nummer Sechs habe sich in Alice's Wunderland begeben.
Dies ist eine der allerersten vier episoden, und autor Anthony Skene glaubte,
sie sei als zweite vorgesehen. Von einer ganzen reihe verschiedener faktoren
hat Skene sich bei dieser episode, die ebenso viele verächter wie
bewunderer hat, beeinflussen lassen. Und es ist ganz leicht zu verstehen,
wie es dazu kommt. "Die Anklage" ist wie ein traumgebilde, der
plot kaum zu erkennen und greifbar, surreal, verwirrend, schlicht seltsam.
Oberflächlich gesehen haben wir es hauptsächlich mit einer ideenmontage
zu tun, undiszipliniert, gelegentlich ohne sinn, und von einem improvisierten
ende gekrönt. Die geschichte verkompliziert sich noch weiter, indem
sie merklich vom drehbuch abweicht und Nummer Sechs seine nachricht an
die außenwelt schreibt, bevor er den leichnam wieder ins wasser
schafft. Es wird mit schattierungen gespielt, mehr angedeutet als gezeigt.
Eher wird man von der episode verfolgt, als dass sie voranschreitet. Skene ließ anklingen, Jean Cocteau und der film von 1944 THE DEVIL AND DANIEL WEBSTER (DER TEUFEL UND DANIEL WEBSTER aka ALLES WAS GELD KAUFEN KANN; regie: William Dieterle) seien einflüsse für ihn gewesen. Wie Cocteau ist auch Skene vom mythos des labyrinths fasziniert. Wiederholtes anschauen wird bei dieser episode belohnt, die womöglich tiefgründiger ist und sich viel mehr mit magie wie auch dem unterbau des verstandes beschäftigt als viele andere. Die welt des unbewussten wird heraufbeschworen, und Nummer Sechs's innere reise hallt in uns nach. Das
bemerkenswerteste an dieser episode ist jedoch, dass es sie beinahe gar
nicht gegeben hätte. "Die Anklage" ist ihrer entstehungsgeschichte
nach eher das, was man ein "ungeliebtes kind" nennt. Vermutlich
sollte sie ursprünglich die zweite episode sein, die außenaufnahmen
entstanden im herbst 1966 zusammen mit denen der "Ankunft",
"Free For All" und "Schachmatt". Mancher dialog deutet
zudem darauf hin. Das
ende der episode ist einfach "unklar" und befremdlich. Nummer
Sechs ist vor der kostümierten karnevalsmeute durch ein labyrinth
von kellergängen in einen raum mit halbdurchsichtigen spiegeln geflüchtet.
Er wird von Nummer Zwei aufgespürt. Sie will keinen gehirnamputierten
idioten haben, sondern ihn mit ganzem bewusstsein für sich gewinnen.
Mary Morris als Nummer Zwei ist neben Leo McKern die stärkste besetzung
der ganzen serie. Und das wird keineswegs geschmälert durch den umstand,
dass Trevor Howard für die rolle vorgesehen war. Nummer
Sechs: "Sie werden nie gewinnen." Angesichts von Nummer Sechs' perplexem gesichtsausdrucks bricht Nummer Zwei in schallendes gelächter aus. Ende.
KOMISCHES
DREIGESTIRN: ELISABETH I, JULIUS CAESAR UND NAPOLEON Im drehbuch sah das episodenende noch anders aus; die nicht realisierte Szene: Nummer Sechs: "Aber es zahlt sich aus, meine liebe. (Pause) Tot zu sein, hat seine Vorteile." Während er das sagt, nimmt er einen schweren aschenbecher und zertrümmert den fernschreiber. Nummer Sechs: "Wollen wir tanzen?" Das mädchen (seine ehemalige bewacherin) und Nummer Sechs gehen und lassen Nummer Zwei inmitten von papierbahnen und bruchstücken zurück. 108.
Innen. Ballsaal. Nacht. 109.
Außen. Ort. Nacht. am Ort. Schlusstitel.
Diese schlussszene bringt den episodentitel eher auf den punkt, sie wurde nie realisiert. Eine ähnliche szene gibt es in dem film THE DEVIL AND DANIEL WEBSTER, den Skene bereits als quelle der inspiration für dieses drehbuch benutzt hatte. Der Ort als autarke einheit - buchstäblich ein universum für sich - dieser gedanke wird auch von Nummer Zwei in "Die Glocken von Big Ben" vertreten. Tatsächlich hatten die produzenten ihn schon ins bild gesetzt, nur wurde er in der finalen version nicht mehr verwendet. Es wäre das schlussbild des animierten Pennyfarthing-abspanns jeder folge gewesen. Aber es ist noch zu besichtigen; mehr...
Kursivtext oben: Dave Barrie (übersetzung: Arno Baumgärtel); die geschnittenen szenen sind im buch von Robert Fairclough "The Original Scripts Vol 1" abgedruckt; dank an Michael Brüne
|