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Eins

Gilles Deleuze/Félix Guattari, Kafka - Für eine kleine Literatur, s. 101/102:

Dies ist die höchst überraschende Topographie bei Kafka, die keineswegs nur "im Geiste" besteht: Zwei diametral entgegengesetzte Punkte erweisen sich, seltsamerweise, als eng benachbart. ... Zwei Blöcke auf einer unbegrenzt-kontinuierlichen* Linie, deren Haupteingänge sehr weit voneinander entfernt liegen, haben gleichwohl eng aneinander liegende Hintertüren, durch die sie selbst in eine Kontiguität* geraten. ... Versuchen wir nun, die zwei Stadien dieser Architektur knapp zu skizzieren:

Erstes Stadium Zweites Stadium
Ansicht von oben oder unten, Treppen Ansicht von vorn, vom Korridor, niedrige Decke
Luftaufnahmen und Gegeneinstellungen Weitwinkelaufnahmen in die Tiefe des Feldes
Diskontinuität der Bogenblöcke Unbegrenztheit des immanenten Korridors
astronomisches Modell irdisches oder gar unterirdisches Modell
Distanz und Nähe Ferne und Kontiguität

Betonen wir zunächst, daß die beiden Architekturstadien tatsächlich verschieden sind, sich aber gegenseitig durchdringen können. Sie sind verschieden, da sie zwei verschiedenen Bürokratien entsprechen: der alten und der neuen, der traditionellen chinesischen, kaiserlichen und despotischen Bürokratie und der modernen kapitalistischen und sozialistischen Bürokratie. ... Kafka selbst steht im Treffpunkt beider Bürokratien: Die Versicherungsanstalt, in der er arbeitet, besorgt die Angelegenheiten eines fortgeschrittenen Kapitalismus, hat aber selbst die archaische und bereits überholte Struktur, die dem alten Kapitalismus und der traditionellen Bürokratie entspricht. ...

Grafik: Arno Baumgärtel nach der vorlage in: Gilles Deleuze/Félix Guattari, Kafka - Für eine kleine Literatur, deutsch 1976, Frankfurt/M. edition suhrkamp

Zwei

Mehr als ihm wahrscheinlich bewusst war, ist Alex Proyas' film DARK CITY (1997) gerade ohne das visuelle am literarischen werk Kafkas nicht vorstellbar. DARK CITY ist in seiner ausgangsprämisse verstörend faszinierend, mit aufregenden bildern und einstellungen, inhaltlich leider ziemlich verquaster, kindischer unfug, dem durch den auftritt der außerirdischen noch die trash-krone aufgesetzt wird.
Ganze gebäudereihen verschieben sich da gegeneinander, drängeln sich wolkenkratzer zwischen anderen in die höhe, schäbige hinterhofeingänge verwandeln sich peu à peu in herrschaftliche entrées und hintertüren tun sich auf, wo eben noch eine backsteinwand war. Das gefühl für distanzen geht verloren, weit entferntes liegt plötzlich gerade mal um die ecke. Was für bauwerke gilt, trifft auch auf menschen zu, die verschwinden entweder - und sei es aus dem gedächtnis ihrer mitmenschen - oder werden zu anderen persönlichkeiten "getuned", wie es im film heißt.

Drei

Gilles Deleuze/Félix Guattari, Kafka - Für eine kleine Literatur, s. 105/106:

Das alles erklärt vielleicht die glückliche Begegnung zwischen Kafka und Orson Welles. Der Film hat zur Architektur eine tiefere Beziehung als zum Theater (Fritz Lang war Architekt). Bei Orson Welles gab es immer zwei koexistierende architektonische Modelle, die er sehr bewußt verwendete. Das erste ist das der glanzvollen Aufstiege und Niedergänge: Archaismen mit ganz aktuellen Funktionen, Auf- und Abstiege über endlose Treppen, Einstellungen von oben oder von unten. Das zweite ist das der weiten Winkel und tiefen Felder, der unbegrenzten Korridore, zu denen sich eng aneinander gereihte Querräume öffnen. CITIZEN KANE oder THE SPLENDOUR OF THE AMBERSONS bevorzugen das erste, THE LADY OF SHANGHAI das zweite Modell. DER DRITTE MANN, bei dem Welles nicht einmal selbst als Regisseur firmierte, vereinigt die beiden Modelle zu der erwähnten erstaunlichen Mischung: die archaischen Treppen, das senkrecht in den Himmel ragende Riesenrad und die rhizomartige Kanalisation dicht unter der Erde mit dem langen Hauptkanal und den eng aneinandergereihten Seitengängen. Immer wieder die endlose paranoische Spirale und die grenzenlose schizoide Gerade. Noch besser hat Orson Welles diese beiden Bewegungen in seiner Verfilmung des PROZESS kombiniert: Die Szene mit Titorelli und den Mädchen, der lange hölzerne Korridor, die weiten Fernen, die plötzlichen Kontiguitäten, die Fluchtlinien - all das bezeugt die erstaunliche Affinität zwischen Welles und Kafka.

Anzumerken wäre, dass der film unter auch finanziell schlechten umständen entstand, zunächst in Zagreb, dann in Paris. Der protagonist K. stirbt im filmischen wie im literarischen PROZESS am ende. Welles jedoch hielt nicht allzu viel von Kafkas schreiben und die figur für schuldig, während alles bei Kafka ambivalent ist und bleibt.

*)
kontinuität (bzw. kontinuierlich): das zusammenhängend sich erstreckende
kontiguität (bzw. kontingent): das nebeneinander liegende, benachbarte, sich berührende

 

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